Julia Conrad hat ihren Freiwilligendienst beim Baumhaus-Projekt von 2009 bis 2010 in China geleistet. Danach hat sie Volkswirtschaftslehre in Tübingen und in Shanghai studiert und nahm anschließend am Carlo-Schmid-Programm teil. Heute arbeitet sie bei der Weltbankgruppe an der Förderung des Privatwirtsektors in Afrika.

Liebe Julia, danke, dass du dir für ein Gespräch Zeit nimmst. Mich würde zunächst einmal interessieren, was dich damals motiviert hat, so einen Freiwilligendienst zu machen.

Lieber Jonah, es ist schön dich kennenzulernen. Ohne Zweifel hat der Baumhaus Freiwilligendienst sowohl die Ausrichtung meiner beruflichen Laufbahn als auch meine Persoenlichkeit entscheidend geprägt. Damals war es die „Neugierde am Fremden“ die mich motiviert hat, nach dem Abitur nach einer Möglichkeit zu suchen, Erfahrungen im Ausland zu sammeln und gleichzeitig die Zeit möglichst sinnhaft zu verbringen. Meine damalige Anreise nach Nujiang in China war meine allererste Reise im Flugzeug und ich war sehr aufgeregt. Rückblickend schon etwas lustig.

Nach deinem Freiwilligendienst hast du Volkswirtschaftslehre mit Fokus auf  Entwicklungsökonomie studiert. War dir schon vorher klar, was du studieren möchtest oder hat der Freiwilligendienst dich bei deiner Entscheidung beeinflusst?

Über mein Jahr als Freiwillige haben sich meine Pläne vollkommen geändert – oder sagen wir, dass mir diese Auszeit nach dem Abitur dabei geholfen hat, meine Persönlichkeit, Stärken und Interessen besser zu verstehen. Daraufhin hatte ich natürlich eine bessere Vorstellung wohin mein beruflicher Werdegang gehen koennte. Vor dem Freiwilligendiest wollte ich eigentlich Lehramt studieren. Allerdings habe ich an unserer kleinen Grundschule in Nujiang gelernt, dass Geduld mit Kindern auf lange Zeit nicht gerade meine größte Stärke ist.

Julia während ihres Dienstes in Fugong, China

Die Erfahrungen in einer Entwicklungsregion wie Nujiang und die Konfrontation mit dem zumindest damals sehr eklatanten Wohlstandsgefälle der Region haben mich sehr bewegt. Schlussendlich habe ich mich deshalb dazu entschieden, einem Studium in internationaler Volkswirtschaftslehre nachzugehen: Ich war entschlossen, mehr über die Facetten wirtschaflicher als auch sozialer Ungleichheit zu lernen und zu verstehen, welche Massnahmen dieser entgegenwirken können.

Würdest du sagen, dass die Entscheidung für dieses Studium letztlich die richtige war?

In jedem Fall. Auch wenn dem Volkswirtschaftsstudium oft sehr viel Theorie nachgesagt wird, so bin ich fest davon überzeugt, dass das Denkmuster von Volkswirt*innen sehr breit anwendbar und nützlich ist

Aufbauend auf Grundlagen der Wirtschaftstheorie gibt es ausserdem viele Möglichkeiten der späteren Spezialisierung des Studiums, je nach dem individuellen Interessen: in meinem Fall war das Entwicklungsökonomie. An der Universitaet in Tübingen – anders als an vielen anderen Universitäten – konnte ich ausserdem einen geographischen Schwerpunkt auf China und Ostasien legen. Neben den Wirtschaftsinhalten habe ich daher meine in Nujiang erworbenen ersten Chinesischkentnisse weiter ausbauen können.

Du hast einen Master an einer Universität in Shanghai absolviert. Welche Rolle spielte da der Freiwilligendienst?

Meine Faszination an der chinesischen Sprache und Kultur hat ihren Ursprung definitiv in Nujiang, wo ich täglich am Chinesischunterricht der Grundschüler teilnehmen durfte.Bereits während dem Bachelorstudium in Tübingen habe ich außerdem ein weiteres Jahr in Shanghai verbracht, wo ich mich fast ausschließlich dem Sprachunterricht gewidmet habe.Letztendlich war mein Sprachlevel nach Abschluss des Bachelorstudium ausreichend um das Wirtschaftsstudium in einem chinsischem Programm in Shanghai fortzuführen – wofür ich mich auch entschieden habe.

Sowohl für das Jahr in Sprachkursen als auch für mein Masterstudium in China habe ich Stipendien der chinesischen Regierung und des DAAD erhalten. Meine vorweisbare Auseinandersetzung mit Land und Kultur durch meine vorherige Zeit als weltwärts Freiwillige in Nujiang waren sicherlich überzeugende Kriterien bei der Auswahl für die finanzielle Förderung.

Ausserdem war nach meiner Zeit im ländlichen China der „Kulturschock“ in den Städten sehr viel kleiner, wodurch es viel einfacher war sich einzuleben. Tatsächlich erschien mir das Leben in Shanghai/Peking vergleichsweise fast schon „westlich“.

Gab es in deinem Freiwilligendienst konkrete Erfahrungen, welche dich nachhaltig beeinflusst haben?

So viele Erlebnisse des Jahres wären nennenswert, sodass es sicherlich sehr lange dauern würde, sie alle aufzulisten. Bis heute betrachte ich Nujiang als eine Art „Zweitheimat“ und ich bin seit meinem Freiwilligendienst viele Male zurückgereist (zuletzt Anfang 2019) um lokale Freunde als auch unseren ehemaligen Einsatzstandort in Fugong zu besuchen.

„Diese Eindrücke beinflussen meine persönliche Stellung und Ansichten zu vielen entwicklungspolitischen Maßnahmen entscheidend.“

Julia Conrad

Seit 2009 habe ich die rasante Entwicklung des Tales, welches seit vielen Jahren im Fokus des Anti-Armutsprogramm der chinesischen Regierung steht, beobachtet. Diese Eindrücke beinflussen meine persönliche Stellung und Ansichten zu vielen entwicklungspolitischen Maßnahmen entscheidend.

Ausserdem bewege ich mich beruflich heute mehr denn je in einem sehr diversen kulturellen Umfeld. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich meine Sensibilität für kulturelle Eigenheiten und den Umgang mit diesen während meines Freiwilligendienst erheblich stärken konnte.

Du wurdest in das Carlo-Schmid-Programm aufgenommen. Meinst du, dein Freiwilligendienst hat dir dabei geholfen, dieses Stipendium zu bekommen?

Das Carlo-Schmid Programm richtet sich an Studierende und Absolvent*innen, die sich für eine Laufbahn in einer internationalen Organisation, EU-Institution oder NGO interessieren. Eine vorweisbare Auseinandersetzung mit internationalen Fragestellungen, soziales Engagement und erste Erfahrungen im Ausland sind für die Auswahl sicherlich hilfreich.

China spielt eine immer wichtigere Rolle als Akteur der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (z.B. im Klimaschutz oder dem Ausbau von Infrastruktur). Dies spiegelt sich auch zunehmend auch in globalen Plattformen und Verhandlungen wieder. Die Auseinandersetzung mit China ist daher in diesem Feld immer wichtiger.

Und was machst du heute beruflich?

Seit über vier Jahren arbeite ich im Privatsektorarm der Weltbank in Westafrika. Ich betreue Projekte im Bereich Mikrofinanzen und Digitalisierung von landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten, wofür ich bereits durch große Teile Afrikas gereist bin.Tagtäglich agieren wir mit Kolleg*innen und Partner*innen in aller Welt und, wie bereits oben erwähnt, ist kulturelle Kompetenz hierbei ein Muss.

Die Weltbank selbst ist eine spannende Organisation, mit vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und interessanten Kolleg*innen. Viele haben zuvor bereits Erfahrungen in der NGO-Arbeit oder anderen sozialen, gemeinnützigen Unternehmungen gesammelt. Meine Erfahrungen als weltwärts-Freiwillige in Nujiang passen daher sehr gut in das Gesamtbild.

Wenn du nochmal entscheiden könntest, würdest du wieder einen Freiwilligendienst mit dem Baumhaus-Projekt machen? Warum?

Die Auszeit nach dem Abitur und der Freiwilligendiest in Nujiang haben mein Leben tatsächlich verändert. Ich habe nicht nur mich selbst besser kennengelernt, sondern konnte auf meine Erfahrungen aus dem Jahr in vielerlei Hinsicht in meiner späteren Laufbahn aufbauen.   

Ausserdem sind mir meine Freundschaften in Nujiang sehr viel wert und ich hoffe ich kann diese auch weiterhin pflegen, und das Tal hoffentlich auch bald mal wieder besuchen.

Selbstverständlich würde ich jedem, der oder die eine solche Erfahrung machen möchte, einen Freiwilligendienst nahelegen: er kann nicht nur für die Entwicklung der beruflichen Laufbahn sondern besonders auch für die persönliche Entwicklung förderlich sein.

Vielen Dank, Julia!

Das Interview hat Jonah Trubbas durchgeführt.

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