Geduld und Tee-Eis – eine Chinesin und ihre Deutschen in Beijing

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Warum studiert jemand Mitten in der Chinesischen Pampa, im für Chinesen kleinen und altmodischen Hohhot (drei Millionen Einwohner und wesentlich mehr Struktur und Schönheiten, als eine Stadt wie Bremen es sich jemals vorstellen könnte, aber eben im direkten Vergleich mit Shanghai) – warum studiert hier jemand Travel and Tourism?

Kennenlernen in der Schulkantine, Lois, Cici und wir

Kennenlernen in der Schulkantine, Lois, Cici und wir

Cici, PanWenxi, haben wir kennengelernt, weil sie ins Ausland möchte. Sie hat uns zu ihren English-Teachers auserkoren – und uns vor allem am Anfang im Gegenzug gemästet. Für die Universität in England muss sie einen Sprachtest bestehen, den IELTS-Test, ein Wort, das ihr wochenlang Albträume beschert und sie sogar auf ihren Radiergummis in Großbuchstaben verfolgt hat. Wir als ihre qualifizierten Traumfänger in dem Bereich haben ihr vor allem mit dem mündlichen Teil geholfen, Fragen nach ihrer Lieblingsfarbe genauso durchgekaut wie die, ob sie gerne alleine oder mit anderen Shoppen geht und ab und zu, was sie so von der Ein-Kind-Politik hält. Für uns waren diese täglichen Besuche immer abends, nach Essen und Unterricht, auch ziemlich unterhaltsam, ein Guckloch hinein in das Gewirr der chinesischen Gesellschaft (das heißt, wenn es mal nicht darum ging, wann sie zuletzt gehört hat, dass jemand ein bestimmtes Geräusch gemacht hat). Als die Frage kam, welches Gesetz sie einführen würde, hat sie entgegen aller Vorurteile gegenüber den Chinesen als erstes nach dem Wort für Umweltverschmutzung gefragt und beim Thema Druck und Lernen erzählt, dass Eltern ihren Kindern sagen, wenn sie später das Haus putzen wollen, können sie spielen gehen – wenn sie es besitzen wollen, sollen sie besser lernen.

Kartoffelsalat, Grüne Soße und Deutschsein bei uns mit der ganzen Gruppe, Lois, Cici, Ella, Maria

Kartoffelsalat, Grüne Soße und Deutschsein bei uns mit der ganzen Gruppe, Lois, Cici, Ella, Maria

Nach ein paar Tagen waren wir Freunde, nach ein paar Wochen fest zu einer Grassland-Tour mit ihrer Familie eingeplant und nach ein paar Monaten durften wir bei ihr das Frühlingsfest, wichtigstes und höchstes Fest der Chinesen, miterleben. Wir wurden ein fester Teil ihrer Freundesgruppe und ihre Gruppe wurden alle auch unsere guten Freunde. Yue lai yue, sagen die Chinesen, Schritt für Schritt wurde ihr Englisch immer besser, sie versteht inzwischen unsere Fragen und traut sich zu, frei und viel zu sprechen (auch wenn sie weiß, dass vielleicht nicht immer alles in den grammatischen Regeln ist).

Sie haben unsere Mützen gestohlen! Chinesische Weihnachtswichtel…Ella, Sonja, Lois, Soraya und Cici

Sie haben unsere Mützen gestohlen! Chinesische Weihnachtswichtel…Ella, Sonja, Lois, Soraya und Cici

Der Tag, an dem sich nun alles für sie entschieden hat, war vor einiger Zeit in Peking angesetzt, die wichtigsten provinzübergreifenden Prüfungen und Auszeichnungen chinesischer Universitäten finden meistens hier statt. Wir mussten Cici versprechen, den Prüfungsstress mit ihr durchzustehen und konnten sie in Peking unterstützen.

Nach all dem Essen noch lachen zu können ist die hohe Kunst! – Weiser Spruch zum Chinesischen Frühlingsfest

Nach all dem Essen noch lachen zu können ist die hohe Kunst! – Weiser Spruch zum Chinesischen Frühlingsfest

Vor einer Woche stiegen wir mit der ganzen Gruppe in den Nachtzug nach Beijingbei – und versuchten die ganze Zugfahrt hindurch, unsere Freundin zu beruhigen, die jedes Mal besorgniserregende Englischeinstürze zeigt, sobald sie nervös wird. Wörter wie emperor und apple kann man dann irgendwie doch noch gleich aussprechen und wir durften zuschauen, wie ihr panischer Blick ruhelos durch das Zugabteil glitt, wenn wir es wagen wollten, nochmal nachzufragen, was genau sie eigentlich sagen wollte.
Aber als wir alle sie zum Prüfungsgebäude gebracht haben, hatte sie vor allem wieder das Grüner-Tee-Eis vor Augen, das wir direkt danach zusammen genießen wollten (ein Ausdruck unserer Liebe zu ihr – ohne den chinesischen Geschmack in ein ungutes Licht rücken zu wollen, wir würden weder diese Kreation, noch die kleine Schwester Blumentee jemals weiterempfehlen wollen). Pünktlich zum Abendessen, also um fünf Uhr, kam Cici viel glücklicher, als sie reingegangen war, aus der großen Tür geschritten. Sie wurde nach ihrer Einschätzung von Geduld gefragt und erzählte uns sehr stolz, dass sie dem Prüfer zuerst berichtet hatte, wie wichtig diese Tugend ist und dass sie diese eines Tages gerne an ihre Kinder weitergeben möchte. Deshalb wäre es eine sehr schlaue Methode, als Mutter einfach grundsätzlich immer zu spät zu kommen, damit die Kinder sich von früh an darin üben können…

Chinesische Touris, mit Sonnenschirm im Sommerpalast und lenken Cici dezent mit einhunderttausend Fotos ab,

Chinesische Touris, mit Sonnenschirm im Sommerpalast und lenken Cici dezent mit einhunderttausend Fotos ab,

Die nächsten beiden Tage durften wir Peking-Ente probieren, uns, nachdem von unseren Freunden einschlägig kam, wir würden jetzt in einen Park gehen, im Sommerpalast wiederfinden und generell nach der Ankündigung, wir würden uns ein bisschen ruhigere Orte für die Wartezeit auf die Ergebnisse aussuchen, am Ende fast alle Sehenswürdigkeiten, die die Chinesische Hauptstadt so zu bieten hat, besuchen.
Am letzten Tag war es dann soweit – eine zitternde Cici und ihre zwei zuversichtlichen Englisch-Teachers durften zusammen die Ergebnisse abholen. Wir werden sie am 20. Juni zum Flughafen bringen!

Konfuzius hat schon immer geholfen!

Konfuzius hat schon immer geholfen!

Gestern waren wir seit sieben Monaten in China und kennen Cici schon beinahe die ganze Zeit. Kaum zu glauben, dass ihr langer Weg in die UK schon wieder vorbei ist, dass sie sogar zwei Monate vor uns in Richtung Europa fliegt, kaum zu glauben, dass sie es geschafft hat. Nein, nicht kaum zu glauben, wir waren schon ein gutes Team!

Pekingente am Tiananmen, nach der Prüfung kann man sofort wieder mehr essen!

Pekingente am Tiananmen, nach der Prüfung kann man sofort wieder mehr essen!

Travel and Tourism, das geht in Europa vielleicht sogar besser, als in China – vor allem mit Tourism zu deutschem Weihnachten und fester Planung bei der Portionenberechnung für die Weihnachtsgans! Und mit zwei Deutschen auf Reisen ins schöne britische Sheffield…
Liebe Cici! Du schaffst das schon! Denk immer daran, wie man Geduld lernt und alles ist gleich sehr viel leichter. Dein S²

Abschied aus Peking im Park. Dem Himmelstempel-Park!

Abschied aus Peking im Park. Dem Himmelstempel-Park!

250 Tage Peru: Ein Rückblick

Ganze acht Monate haben wir nun schon in Peru verbracht. Knapp 250 Tage Leben zwischen den Riesen der Anden, in einer peruanischen Gastfamilie, in Schulen voller fröhlicher Kinder, inmitten von Menschen, die nur Spanisch und Quetschua sprechen. Wie haben wir diese Zeit erlebt? Hier ein paar Fragen und die Antworten unserer Freiwilligen.

Wenn ihr eure Zeit in Peru in einem Satz zusammenfassen würdet, wie würde er lauten?
Sophie: Ein Abenteuer mit vielen Höhen, Tiefen – und Parasiten..
Eva: Lang, kurz und bis jetzt das lehrreichste Jahr meines Lebens.
Johanna: Auch wenn es manchmal hart ist, die nächste positive Überraschung wartet an der nächsten Ecke.

Wie sieht ein typischer Tag für euch aus?
Marie: Gegen sieben stehe ich auf (ich habe meist sehr spät Unterricht) und frühstücke. Dann fahre ich zur Schule (ich habe nur zwei Klassen in Oropesa) und unterrichte 2 bis 3 Stunden. Zurück zuhause helfe ich mit Johanna im Restaurant, esse Mittag und bereite meinen Unterricht nach, die folgenden Stunden vor und korrigiere Arbeitsblätter. Wenn es dann noch nicht zu spät ist, besuche ich anschließend die anderen Freiwilligen. Abends sitzen Johanna und ich mit unserer Gastfamilie zusammen, trinken Tee und schauen fern.
Leon: Noch vor sechs aufwachen, Unterricht und Projektarbeit vorbereiten, Haare waschen und ab zur Schule, mit Schülern in der Mensa essen, nach Hause oder in die Bibliothek gehen, um das Internet zu nutzen; Freunde besuchen; zur Plaza laufen und mit Leuten reden, Hühnchen essen und direkt nach Hause zum Schlafen, außer es gibt noch Fußballtraining.

Was ist für euch der größte Unterschied zwischen Peru und Deutschland?
Nelly: Kinderziehung und Umgang der Menschen miteinander, aber auch ganz klar die Organisationsweise. Hier wird z.B. ständig das Wasser einfach abgedreht, dann steht man mit Shampoo im Haar unter der Dusche und denkt nur „Na toll.“
Daria: Das Leben einer peruanischen Familie unserer Region spielt sich hauptsächlich in ihrem Dorf ab. Hier geht man zur Schule, kauft ein, geht seinen Hobbies nach. In die Stadt wird nur selten gefahren. Dadurch existiert hier auch eine sehr vertraute Dorfgemeinschaft. Ein anderer großer Unterschied ist, dass die Bevölkerung nicht nur sehr leichtgläubig ist, sondern auch unglaublich abergläubisch.

Was ist euer Lieblingsessen in Peru?
Susanne: Escaveche und Papa a la Huancaina
Sophie: Chuletta mit Kartoffeln und Aji-Soße
Leon: Die Antwort ist einfach: Ceviche! Dieses Fischgericht bereite ich jeden Sonntagmorgen um 5:30 mit meiner Nachbarin für den Verkauf vor und bekomme dann selbst noch eine große Portion ab. So lecker!

Was ist euer schönster Moment im Unterricht? .
Johanna: Wenn die Kinder dich umarmen und erklären, dass sie schon gewartet haben und endlich weiterlernen wollen.
Daria: Es ist ein tolles Gefühl, wenn du merkst, dass deine Schüler am Unterricht Spaß haben“

Was werdet ihr an Peru am meisten vermissen?
Marie: Wahrscheinlich meine – manchmal sehr nervigen – Schüler. Die meisten habe ich doch schon sehr ins Herz geschlossen.
Eva: Die Ruhe, die Zeit, der viele Schlaf und im Einklang mit mir selbst zu sein. Außerdem die Berge, einige meiner Schüler, mein Patenkind und meine peruanische Familie. Und wahrscheinlich noch tausend weitere Dinge, die ich erst sagen kann, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Worauf freut ihr euch am meisten, wenn ihr an eure Rückkehr nach Deutschland denkt?
Susanne: Wieder richtig vegetarisch zu kochen!
Nelly: Laubwälder, warme Duschen, Radfahren

Was wollt ihr in den nächsten 110 Tagen noch erreichen?
Sophie: Nach Macchu Picchu fahren, mein Spanisch verbessern, das Internatsprojekt voranbringen
Marie: Ich möchte mit den anderen Freiwilligen noch unser „Augenprojekt“ durchführen, wofür ich verantwortlich bin. In meinen Klassen will ich erreichen, dass zumindest alle meine Schüler der Secundaria (weiterführende Schule) das „simple present“ und das „simple past“ können.
Eva: Eine bessere Grundlage für die nächsten Freiwilligen schaffen, damit sie nicht dieselben Probleme haben, wie wir und noch wenigstens ein Projekt in Ccapacmarca auf die Beine stellen.

Johanna, Nelly, Marie und Susanne leben in Oropesa. Leon, Sophie und Daria dürfen das Dorf Lucre ihr Zuhause nennen. Eva lebt zusammen mit zwei anderen Freiwilligen, Jule und Tatjana, in Ccapacmarca.

Wenn 3000 Schüler auf Eierjagd gehen!

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Nach den positiven Erfahrungen im Zuge unserer Weihnachtsaktion wollten wir nun auch an Ostern die Chance nutzen einen Teil unserer deutschen Kultur den Chinesen näher zu bringen. Den Schülern einen schönen Tag – unter ihrem meist doch so tristen Schulalltag – zu bereiten ist dabei natürlich ein wunderbarer Nebeneffekt.

Ein Rezept für ein solches Projekt möchten wir euch im folgenden vorstellen.

Zutaten:

– Man nehme einen Projektverantwortlichen, der den Projektverlauf kommentiert und die Ideen der Gruppe sammelt und sortiert. Natürlich muss er den Überblick behalten und alle auf dem neuesten Stand halten.
– Eine Aktion bringt nichts, wenn niemand davon weiß! Daher ist es ebenfalls wichtig, die Schüler bereits vor der Aktion darauf aufmerksam zu machen. Wir haben dies dieses Mal durch Unterrichtseinheiten zum Thema Ostern, das Wochenthema der English Corner bildete ebenfalls das Osterfest. Hinzu kommt eine von uns auf Chinesisch verfasste Durchsage, die einige Tage vor der Aktion nach dem Unterricht gespielt wurde. In der Schule aufgehangene Plakate durften natürlich auch nicht fehlen.
– Hasenohren und 100 Hühnereier. (Wer sich nun wundert, schaue bitte unter Zubereitung!)
– Zu guter letzt natürlich eine ordentliche Portion Motivation und Freude an der Sache!

Zubereitung:

Wie kann man ungefähr 3000 Schülern ohne große Kosten eine Freude machen?
Unter dieser Leitfrage schritten wir zur Tat. Der Plan sah so aus, dass die Schüler jeweils in den großen Pausen die Aufgabe hatten uns als Osterhasen verkleidete – ganz genau, mit Ohren und Hasenschwänzchen – auf dem Schulhof zu suchen. Wobei die Schüler so motiviert waren, dass es später buchstäblich zu einer „Hasenjagt“ wurde.
Jeder von uns Freiwilligen hatte dabei eine bestimmte Farbe in der er beziehungsweise sie gekleidet war. Sobald man erwischt wurde wurde ein Osterei in der entsprechenden Farbe auf die Hand gemalt. Hatte eine Schülerin oder ein Schüler 5 verschiedene Eier gesammelt durfte dieser sich ein kleines Geschenk abholen. Dies galt allerdings nur für die schnellsten 100 Schüler, wodurch die Motivation und die Gespanntheit natürlich besonders groß war! Denn natürlich war es eine Überraschung.

Das womöglich zeitaufwendigste truf sich einen Tag vor der Aktion zu. So verbrachten wir den Sonntag damit 100 Hühnereier auszupusten – die Überraschung sollten nämlich original selbstbemalte Ostereier werden – und sie mit möglichst kreativen Mustern zu bemalen. Dies gelang nicht immer so ganz, doch wurde stets mit viel Liebe durchgeführt! Um das Gefühl eines Osterfests authentisch zu gestalten wurden die Eier nicht einfach nur verteilt, sondern wie in einem deutschen Garten im Raum der English Corner versteckt. Eine richtige „Eierjagt“ stand also bevor.
Am Ostermontag waren alle entsprechend aufgeregt. Die Pause hatte noch keine 2 Minuten begonnen und die Schüler liefen den ersten Hasen schon hinterher. Ziemlich schnell wurde klar, dass 100 Eier bei weitem nicht ausreichen werden.
Bereits in der zweiten Pause waren alle 100 Ostereier in den Händen stolzer Schüler. Doch davon ließen sich die Schüler nicht deprimierend, denn vor allem die Mittelschüler hatten danach immer noch Freude uns Hasen zu jagen und Eier beziehungsweise Unterschriften auf die Hände gemalt zu bekommen.
Die älteren Schüler interessierten sich eher für nähere Informationen zu unserem Osterfest und dem eigentlichen Hintergrund. Was ein Osterhase mit dem Tod und der Auferstehung Christi zu tun hat ist sicherlich auch nicht allen Deutschen klar!

Geschmacksprobe:

Insgesamt blicken wir Jiangxi Freiwilligen also auf einen wunderbaren Tag zurück. Wir hoffen eine vielzahl der jungen Generation der Chinesen erreicht und ihnen die Chance gegeben zu haben sich ein Stück weit mehr mit der westlichen Kultur verbunden zu fühlen.

Nachgefragt…

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Was machen wir Freiwillige eigentlich den ganzen Tag? Was erleben wir, worüber machen wir uns Gedanken? Sicherlich spannende Fragen, vor allem weil die Erlebnisse an den verschiedenen Standorten teilweise sehr unterschiedlich, manchmal aber auch sehr ähnlich ausfallen.

Um einen Eindruck von den (Erlebnissen) der Freiwilligen zu bekommen wurden Freiwillige aus allen Provinzen befragt.
Beginnen möchten wir mit der 19 jährigen Ulrike (Gruppenleiterin in Jiangxi, Jinggangshan) und dem ebenfalls 19 jährigen Sebastian (Yunnan, Pu’Er).

Sebastian & Ulli

Ulli, wie sieht ein typischer Tag bei dir in China aus?
“Ausschlafen, Mittagessen, unterrichten, Kram erledigen, Abendessen und dann was mit den anderen Freiwilligen machen – so sieht ein „langweiliger“ typischer Tag aus.
Ein interessanter und ebenfalls irgendwie typischer Tag sieht so aus, dass ich denke mir stünde ebenso ein stink normaler Tag bevor – dann bekomme ich aber einen Anruf, eine E-Mail, eine Textnachricht oder sonst etwas und plötzlich muss ich meinen ganzen Tag auf den Kopf stellen, um zu einem wichtigen Essen zu gehen, einen Zettel zu organisieren oder etwas zu beantragen.”
Sebastian hingegen unterteilt seine Tage ganz klar in “typisch” und “untypisch”.
Typisch: Ich stehe um 10 Uhr auf, gehe duschen, dann eine nudelsuppe holen (die verkäuferin verwechselt mich mit Constantin und ich muss sie dazu bringen, mir keine Mehl- sondern Reisnudeln zu kochen). Im Anschluss Kaffee trinken, Musik hören und eventuell etwas Schreibarbeit erledigen.
Um 12 Uhr kommt es dann zu einem plötzlichen Aufschrecken, weil mein Nachbar „Sebastian, Sebastian“ durch’s Haus schreit. Mit ihm und Constantin geht es dann ab in die Kantine zum Mittagessen, danach eine traditionelle Runde Basketball. Anschließend der Versuch, die Mittagspause irgendwie produktiv zu nutzen… Aufwachen, ein wenig chinesisch lernen, später Unterricht (1-2 Stunden). Dann Englischcorner mit anschließendem Essen.

Untypisch: Um 8 Uhr aufstehen, auf’s Fahrrad schwingen und ab in den Süden. Sich nach 10 bis 20 Kilometern einen Teeberg aussuchen, den man erklimmt und sich anschließend irgendwo hinsetzen, lesen und Chinesisch lernen. Zurückfahren, dann um 5 Uhr Unterrichten und Abends nach einem aufregenden Tag früh schlafen gehen.”

Die interessanteste Unterhaltung, die Sebastian je mit einem Chinesen geführt hat, war mit einem atheistischen „Kommunisten“, der die Bibel gelesen und auch sonst unglaublich gebildet schien. Ca. 3 Stunden tauschten sie sich über Geschichte, Politik, Religion und Gesellschaft aus.
Und wovon handelte deine, Ulli?
“Über Schwangerschaft, Abtreibung, Todesstrafe und Homophobie… das kam unerwartet.”

Ihren schönsten Moment im Unterricht kann Ulli gar nicht genau eingrenzen. Immer dann, wenn sie die Klasse zum “Goodbye” sagen aufstehen lässt, schaut sie in ihre fröhlichen Gesichter und weiß, dass sie es wieder einmal geschafft hat, die Schüler für wenigstens 40 Minuten aus ihrem tristen Schulalltag entfliehen zu lassen. Diesen Moment beschreibt sie als besonders erfüllend.
Was war Sebastians schönster Moment im Unterricht?
„Jedes Mal, wenn die Schüler vor Beginn etwas an die Tafel geschrieben haben (z.B. You are cool, Everyday happy!, I love you) und einem das dann ganz stolz präsentierten.“

Beschreibe einen Moment, in dem einfach alles gestimmt hat.
Sebastian: „Ein Basketballspiel mit Chinesen auf mir haushoch überlegenem Niveau (die Chinesen sind bekanntlich ja verrückt nach Basketball), trotzdem konnte ich beim Spiel durch viel laufen und integrationsbereitschaft meiner Mitspieler letztendlich ein paar Körbe werfen.“
Ulli: “Wenn in China jemals alles perfekt gewesen wäre, wäre es nicht China gewesen.“

Lieber Sebastian, gibt es einen Ort, an dem du so richtig entspannen kannst?
„ Im Aini Coffee zusammen mit der Filialleiterin und Freunden, außerdem natürlich in den Teebergen.“
…und für Ulli ist es „ [ihr] Bett. Sieben grüne Decken als Unterlage kommen einer Matratze schon relativ nahe :D“

Eine Sache, die sicher viele brennend interessiert: Ulli, Wie lautet deine peinlichste Fettnäpfchengeschichte?
„Zwei Wochen nachdem wir hier waren habe ich meinem Office auf die Frage „Wie schnell läufst du auf 100m?“ mit „Zwölf Sekunden.“ Geantwortet, weil ich dachte sie meinten 50m… egal wie oft ich es versucht hatte – am Ende musste ich doch noch beim Sportfest am Staffellauf teilnehmen. Da haben sie dann gemerkt und verstanden was ich ihnen eigentlich die ganze Zeit über mitteilen wollte.“

Als das eckligste, das Sebastian bis jetzt in China essen musste, bezeichnet er „Stinky Tofu“ – schein als wäre der Name Programm, nicht wahr? – stinkt nicht nur, ist auch ziemlich widerlich für seinen Geschmack.
Was war es bei dir, Ulli? Konntest du dich davor drücken oder war es eher eine „Augen zu und durch“-Situation?
„Beim Frühlingsfest: ein Kuhkniegelenk. Klingt eigentlich gar nicht mal so ekelig? Tja, nur doof dass so ein Kniegelenk nur aus Haut, Fett, Fett, einem Fitzelchen Fleisch und ach ja… Haut und Fett besteht. Auf meine Frage hin, ob man die Haut denn auch mit essen würde (eigentlich wollte ich mich davor drücken, da sie ganz und gar nicht wie dünne, knusprige Hühnerhaut, sondern eher labbrig und dick war), bekam ich ein „Ja, natürlich. Die Haut ist doch das Beste!“ zu hören und musste sie also genießen.“

Wie versuchst du (bzw. deine Gruppenmitglieder und du) den Weltwärtsgedanken in deinem Dienst umzusetzen?
Sebastian: Der Weltwärtsgedanke wird sicherlich hauptsächlich unbewusst umgesetzt. So befinden wir uns in einem fremden Land mit einer wirklich sehr anderen Kultur, lernen (wenn auch mehr oder minder erfolgreich) die Sprache und allein schon das Verlangen nach Freunden macht eine Integration notwendig. Auch Dinge wie Persönlichkeitsentwicklung der Freiwilligen selbst passieren viel stärker als man es sich vorgestellt hat oder auf den ersten Blick wahrnehmen könnte. Bei vielen Gruppenmitgliedern und auch bei mir selbst, habe ich große Veränderungen gerade im Denken wahrgenommen… und wenn man diesen Prozess jeden Tag mit begleitet, fällt er einem ja eigentlich nicht mal so sehr auf.
Ulli: Ganz klar in meinem Unterricht und der Projektarbeit. Zwar halte ich nicht jede Woche Stunden mit dem Thema Kultur, aber schon oft. Die chinesische Kultur bekomme ich mit sobald ich mein Zimmer verlasse. So findet quasi eine Art Kulturaustausch statt.
Und auch bei den Projekten – die hier hauptsächlich aus Aktionen für und mit den Schülern zu Themen wie Weihnachten, Ostern oder Welttanztag stattfinden ganz besonders.

Nun sind wir auch schon bei der vorletzten Frage angelangt… Wie bereitest du dich auf deinen Unterricht vor bzw. was ist dir in deinem Unterricht besonders wichtig? Wenn du jetzt einmal an deine ersten Stunden zurückdenkst, was geht dir dann durch den Kopf, Ulli??
In letzter Zeit bereite ich mich eigentlich immer auf meinen Unterricht vor, indem ich eine Powerpoint Präsentation vorbereite. Aber bevor ich das tue beschäftigt mich oft Tagelang das schwierigste an der Unterrichtsvorbereitung: die Themenfindung. Ist es zu leicht, langweilen sich die guten Klassen, ist es zu schwer schalten die schlechteren Klassen komplett ab. Seit ich mich entschieden haben unterschiedlichen Stoff bei unterschiedlichen Niveau zu unterrichten ist die Themenfindung (auch wenn ich jetzt eigentlich doppelt so viele Themen wie vorher brauche) erheblich leichter geworden. Mit den besseren mache ich dann eben mal eine Woche lang Aufbau und Struktur eine Pflanzenzelle während ich in den schlechteren Klassen drei Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts vorstelle und sie dann in Gruppen gegeneinander herausfinden lasse welcher Kunstrichtung das gezeigte Bild angehört.
Meine Hauptziele waren von Anfang an den Schülern Spaß, Selbstbewusstsein und auch ein wenig besseres Hörverständnis beizubringen. Hier und da habe ich auch die Gelegenheit an ihrer Aussprache zu pfeilen aber primär möchte ich wirklich, dass die Schüler nach meiner Stunde sagen: Ich hatte Spaß. (Wenn sie dabei noch was gelernt haben, bin ich natürlich auch sehr stolz).
Sebastian hat bei der Art seines Unterrichts bzw. seiner Unterrichtsvorbereitung ebenfalls eine erhebliche Entwicklung festgestellt. Er sagt:
Mein Unterricht besteht für die Oberstufenschüler momentan aus einer Geschichte, die ich ins Englische übersetzt habe. Die Essenz dieses Textes, der auf den ersten Blick von Elefanten im Zirkus handelt, besteht aus der Aufforderung, nichts, was man wirklich möchte, unversucht zu lassen, nur weil man es früher vielleicht schon einmal versucht hat und nicht erfolgreich war. Wir wissen oft gar nicht, was für ungeahnte Fähigkeiten in uns stecken.
Ich habe die Geschichte ausgewählt, weil mir aufgefallen ist, dass viele meiner Schüler ein relativ kleines Selbstvertrauen haben und ihre eigenen Fähigkeiten oft stark unterschätzen. Das geht von Englisch reden vor der Klasse über Gesichter malen bis hin zu Singen auf einem Schulwettbewerb.
In der Mittelstufe kann ich auch mit noch so vielen Vokabelangaben keine anspruchsvollen Dinge wirklich besprechen. Ich unterrichte die 7. Klasse, zu deren Anfang die Schüler überhaupt erst begonnen haben Englisch zu lernen. Dort geht es dann eher um Themen wie Gesichter, Hobbies oder Jobs.
Wenn ich den Unterricht zu Beginn mit meinem jetzigen Unterricht vergleichen soll, fällt ein ganz ganz deutlicher Qualitätsunterschied auf. Vor allem war mein Mittelstufenunterricht zu Beginn sicherlich nicht ganz so gut, mit der Zeit habe ich glaube ich aber ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen. Natürlich hilft es auch, immer mal wieder etwas auf chinesisch erklären zu können. Außerdem ist das Niveau der Schüler in der 7. Klasse stark angestiegen in der Zeit.

Was sind deine Wünsche beziehungsweise Ziele für die restliche Zeit deines Freiwilligendienstes, Sebastian?
„Ein Schwimmprojekt durchzusetzen und mich ordentlich mit Chinesen unterhalten zu können.“
Ullis Wünsche sind: „Mehr chinesisch lernen, meinen Unterricht noch ein wenig effektiver gestalten ohne dabei den Spaßfaktor zu mindern, mindestens noch eine große, coole Aktion mitgestalten und nie wieder Kniegelenke essen.“

Abschließende Worte von Sebastian lauten „Love for China!“.

Jinggangshan stellt sich vor!

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Seit zwei Monaten kennt man in Jinggangshan Luftballons nur noch unter dem Namen 树家 (Baumhaus). Wieso? – Weil wir Freiwilligen unsere erste Vorstellaktion gemacht haben.
Die Eindrücke dieser Aktion und ihr Grund möchten wir hier mit euch teilen!

Vor Ort waren wir nur als Englischlehrer der Grund- und Mittelschule bekannt. Kaum jemand wusste, dass wir hier ehrenamtlich arbeiten und außerdem versuchen soziale und umweltschützende Projekte zu gründen und nachhaltig umzusetzen. Das wollten wir natürlich ändern! Also sind wir mit Plakaten und Luftballons als Eyecatcher durch die Straßen und in die Geschäfte gelaufen. Während die Kinder einen Ballon mit der Aufschrift 树家 und unserem Logo bekamen, wurde den Eltern ein Flyer – in Englisch und Chinesisch – in die Hand gedrückt. Viele stellten uns interessierte Fragen zu den Plakatfotos oder den Flyertexten, in denen wir sie aufforderten, sich mit Projektideen über unsere E-Mail- oder WeChat-Adresse an uns zu wenden.

In Jinggangshan gibt es allerdings nicht nur ein Stadtzentrum sondern drei. Also sind zwei weitere Vorstellaktionen geplant, um möglichst alle Bewohner zu erreichen. Außerdem wollen wir „Baumhaus“ auch in unserem Unterricht und in unseren English Corners vorstellen.
Natürlich halten wir unsere Ausgaben so gering wie möglich. Die Plakate verwenden wir bei jeder Aktion wieder, eine Tüte Luftballons reicht für mehrere Aktionen und die Flyer drucken wir so klein wie möglich. Und um das Geld schnell wieder reinzubekommen, machen wir in den Texten ganz viel Werbung für unsere Spendenbox im Supermarkt.

(Herzlichen Dank für den Text an Luana Riebel)