Über den chinesischen Schulalltag

Es ist Sonntagabend 18:40 Uhr und die Woche beginnt. Die Schulglocke läutet zu den abendlichen Unterrichtsstunden und die Schüler strömen nach ihrem einzigen schulfreien Nachmittag der Woche wieder in die Klassenzimmer. Bis um 23:00 Uhr haben sie vier Abendstunden, in welchen sie ihre Hausaufgaben machen und lernen sollen. Diese Abendstunden haben sie sieben Tage die Woche.Bis 11:55 Uhr geht das Lernen fleißig weiter. Von zwölf bis eins gibt es Essen in der Cafeteria, welches aus Sicht der Schüler jedoch nicht sehr gut ist.

Das Gemüse ist meist zerkocht und nicht mehr warm, wenn sie es aufgetischt bekommen. Bis um zwei ist Zeit für Mittagschlaf, um danach bis 17:30 Uhr wieder konzentriert weiter machen zu können. Man könnte jetzt annehmen, dass der Schultag um 17:30 Uhr endet. Für deutsche Verhältnisse wäre das sogar schon ein recht langer Tag. In China jedoch geht es nach einer nur 80-minütigen Pause weiter mit den Nightclasses. In diesen 80 Minuten finden viele Schüler sogar noch Zeit, um Fußball oder Basketball zu spielen. Das Abendessen wird dann heimlich in den Rucksäcken in die Schule geschmuggelt, um es während der Hausaufgabenstunden zu essen. Diese, für Hausaufgaben vorgesehenen Nightclasses, dauern bis 23:00 Uhr. Dann können die Schüler nach Hause oder in die Schlafsäle gehen. Wenn sie Pech hatten und in den Abendstunden einen Film geschaut haben oder die Hausaufgaben nicht beenden konnten, müssen sie das natürlich zu Hause machen. Nicht wenige von ihnen sitzen bis 01:00 Uhr nachts daran. Kommen sie endlich ins Bett, haben sie meistens nicht mehr als sechs Stunden Schlaf und müssen wieder zurück in den Unterricht.

Dieses Alltagsprogramm ist so stressig und arbeitsreich, dass man nicht selten Schüler sieht, denen durch den Stress weiße Haare wachsen. Dennoch ist der freie Sonntagnachmittag nicht die einzige schulfreie Zeit der meisten Schüler. Einmal im Monat haben sie ein komplett freies Wochenende. Zwar gilt das nicht für den Abschlussjahrgang, aber für alle anderen Schüler der Mittelstufe. Das heißt, diejenigen, welche aus den umliegenden Orten kommen, fahren am Samstagmorgen zu ihren Eltern nach Hause und sind natürlich Sonntagabend zu den Abendstunden wieder zurück. Jene, die bei uns in der Stadt wohnen, verbringen die Zeit eher mit ihren Freunden oder den übrig gebliebenen Hausaufgaben. Von außen betrachtet wirkt dieser Alltag auf mich als deutsche Schülerin praktisch nicht machbar. Wie schaffen es die chinesischen Schüler, diesen Alltag zu stemmen? Wieso jammern wir, wenn wir um sieben Uhr morgens aufstehen müssen und sprechen von einem langen Tag, wenn wir erst um 16:00 Uhr aus der Schule zurück sind? Wir finden unser Wochenende stets zu kurz, während Chinesen so etwas wie Wochenende gar nicht kennen. Sie können die dauerhafte Arbeit mit eiserner Disziplin durchziehen. Weil mich diese Disziplin sehr beschäftigt und fasziniert, habe ich meine Schüler zu diesem Thema interviewt und war mitunter erstaunt über ihre Ansichten, was ihren Alltag betrifft.