La Tu – ein kleines Dörfchen in den Bergen, zweieinhalb Stunden zu Fuß vom Tal entfernt. Es ist das letzte Dorf auf chinesischer Seite, bevor man nach einem dreitägigen Fußmarsch über die Berge die Grenze zum Nachbarland Myanmar erreicht. Die 30 Hütten La Tus erstrecken sich weitläufig über eine Falte des Berges. Die Kirche und den mit bunten Fähnchen geschmückten Vorplatz, der zentrale Treffpunkt des Dorfes, sieht man schon von Weitem. Um die Mittagszeit trifft man auf den Pfaden, die durch’s Dorf führen, keine Menschenseele. 99% der Dorfbewohner sind gläubige Christen, die in der Abgeschiedenheit der Bergdörfer ihren Glauben leben.

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Die Sonntagsmesse hat bereits begonnen, als wir, verschwitzt von der anstrengenden Wanderung bergaufwärts, um kurz nach zwölf den Kopf durch die offene Kirchentür stecken. Während einer der drei Pfarrer La Tus auf der Erhebung im vorderen Teil des Gotteshauses seine Predigt hält, fliegen die Köpfe der Gottesdienstbesucher herum und neugierige, herzliche Blicke begegnen uns. Leise schleichen wir uns durch den Mittelgang und nehmen auf den kleinen Holzbänken Platz, die Mädchen, wie üblich, auf der rechten Seite der Frauen, die Jungs auf der linken Seite der Männer. Zusammen werden aus dem Gesangbuch Lob- und Preislieder gesungen, in der Sprache der Lisu, der lokalen Minderheit. In La Tu beherrscht gerade einmal eine Hand voll Leute Hochchinesisch.

Eine weitere Predigt wird von einer Frau gehalten, der Pastorin. Während sie der Kirchengemeinde vom Leben und Werken Jesu erzählt, springen Kinder durch die Bänke, lutschen Süßigkeiten und schauen aus großen Augen die Menschen an, die soeben herein gekommen sind und so anders aussehen als alle, die sie in ihrem bisherigen jungen Leben getroffen haben. Als der Gottesdienst zuende ist, erheben sich zunächst die Frauen und schreiten in einer langen Karavane bedächtigen Schrittes durch den Mittelgang nach draußen. Am Ende des bunten Zuges treten auch wir durch die Tür ins Freie, wo die Pastorin steht und jedem Gottesdienstbesucher die Hand gibt. Über den fremden Besuch scheint sie sich besonders zu freuen, und so schüttelt sie strahlend auch jedem von uns die Hand.

Schließlich kommen auch die Männer aus der Kirche und setzen sich an den Rand des Vorplatzes, wo sich bereits die Frauen in ihren langen Trachten und bunten Kopftüchern mit den Kindern auf dem Schoß niedergelassen haben. Einer der Pfarrer bringt uns Hocker, die Pastorin schenkt uns heißen Tee ein. Eigentlich sollte inzwischen der Rest von uns Freiwilligen angekommen sein, der sich mit den Kisten und Säcken voll Kleidung in zwei Fahrzeugen separat auf den Weg nach La Tu gemacht hat. Durch einen kurzen Anruf erfahren wir, dass eines der Fahrzeuge auf halber Strecke stehen geblieben ist – der Motor ist überhitzt. So sitzen wir also unter den Kirchenbesuchern auf dem kleinen Platz in den Bergen, trinken Tee und betrachten die Menschen, während die Menschen uns betrachten. Um die Zeit des Wartens zu überbrücken, schlägt jemand vor, der versammelten Kirchengemeinde doch ein deutsches Lied zu singen. Die Leute jubeln uns begeistert zu, als der letzte Ton des christlichen Liedes verstummt, und in diesem Augenblick hören wir den Motor des ersten Fahrzeuges mit der Kleidung, das soeben um die Kurve biegt. Einige Dorfbewohner helfen uns, die schweren Kisten und Säcke von der unbefestigten Straße aus die Treppe hinunter zu dem kleinen Vorplatz zu tragen. Da kommt auch schon das zweite Fahrzeug – jetzt kann’s losgehen. Aus Backsteinen und Holzbrettern bauen wir kurzerhand Bänke, auf denen wir nun die Kleiderberge auftürmen. Auf der einen Seite bereiten die Mädchen die Frauenkleidung für die gleich beginnende Verteilung vor, ein paar Meter daneben machen die Jungs dasselbe mit der Männerkleidung.

Unserem Freund und Lisu-Übersetzer erklären wir den Ablauf, er gibt das Gesagte an die Pastoren und die Dorfbewohner weiter. Ein kurzes Nicken in seine Richtung bedeutet „wir können beginnen“. Daraufhin bildet sich bei der Frauenkleidung eine lange Schlange. Die erste Frau tritt heran. Hinter ihrer Schulter verfolgt ihr Baby interessiert das Geschehen, einen Daumen im Mund. Schüchtern lachend hebt seine Mutter die Hand und zeigt uns drei ihrer Finger: „In meiner Familie leben drei Frauen.“ Wir suchen ein Oberteil und eine Hose aus, die ihr passen könnten und die ihr auf Nachfragen hin gefallen, und legen zwei weitere Ober- und Unterteile dazu. Zufrieden übergeben wir ihr die Kleidung. Sie klemmt sie sich unter den Arm und reicht uns beide Hände, die die unseren kräftig schütteln. Strahlend wiederholt sie mehrmals das Lisu-Wort „schamo!“, „danke!“, bevor sie mit dem Baby auf dem Rücken weitergeht zu den Jungs, um dort Kleidung für die Männer in ihrer Familie abzuholen. Dann setzt sie sich mit dem Kleiderstapel zurück an den Rand des Platzes, wartet auf die Nächsten, um gemeinsam die neue Kleidung zu inspizieren und den allmählich kleiner werdenden Zug der noch wartenden Frauen zu beobachten. Nachdem die letzte Frau an der Reihe war und ihr Bündel überreicht bekommen hat, räumen wir die leeren Kisten zusammen und packen die übrig gebliebenen Kleidungsstücke in einen Sack, den wir dem Pfarrer überreichen. Er soll die restliche Kleidung an die Menschen verteilen, die heute nicht da sind oder Menschen geben, die noch zusätzliche Kleidung zu der nun bekommenen dringend brauchen.

Nun, da alle versorgt sind und der Platz aufgeräumt ist, ist es Zeit für ein Gruppenbild zur Erinnerung an den heutigen Tag. Gehen lassen will man uns jedoch noch nicht; nicht bevor wir in dem kleinen Versammlungshäuschen der Kirchenvorsteher zu Mittag gegessen haben.

Während wir auf den Holzhockern um den Tisch sitzen und uns Reis in die Schälchen geschaufelt wird, unterhalten wir uns mit den drei Pastoren. Unser Übersetzer sagt, dass der Pfarrer, mit dem wir im Voraus die heutige Aktion besprochen hatten, gleichzeitig der Dorfvorsteher sei, eine Art Bürgermeister. Alle drei Jahre dürfen die Einwohner La Tus einen neuen Dorfvorsteher wählen. Eine Schüssel mit Fleischstücken wird aufgetischt. Unser Übersetzer erklärt, mit dem Schlachten eines Ferkels soll uns gezeigt werden, dass wir hoher Besuch und sehr willkommen sind. Die Dorfleute selbst äßen nie das Fleisch eines noch nicht ausgewachsenen fetten Schweines.

So viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit macht uns glücklich und doch verlegen, weil wir, geprägt vom Leben im Überfluss unserer westlichen Kultur, den wertvollen Gaben, wie heute das Ferkelfleisch, nicht die Wertschätzung entgegenbringen können, die sie verdient hätten. Man hat oft das Gefühl, den Dorfbewohnern ihr Essen wegzuessen, und das meist nur um des Aktes Willen, nicht etwa aus Appetit heraus.

Beim Abschied schütteln wir allen nochmals dankend die Hand und lassen eine Tüte Obst und etwas Geld auf dem kleinen Tisch zurück, bevor wir uns, die Wanderrucksäcke auf den Rücken geschnallt, aufmachen in Richtung des Weges, auf dem wir vorhin gekommen sind. Vorbei an der Kirche winken uns ein paar Frauen und Kinder zu, die noch immer auf dem Vorplatz verweilen. Lachend nehmen wir die letzten Stufen der Steintreppe, als wir eine Stimme hören, die uns nachruft. Als wir uns umdrehen sehen wir, wie der Pfarrer mit dem Geldschein in der Hand angelaufen kommt, heftig protestierend. Während unser Übersetzer eifrig abwinkt und ihm auf Lisu etwas zuruft, beschleunigen wir unsere Schritte und machen, dass wir davon kommen, bevor uns der Pfarrer einholen kann. Schließlich lässt dieser lachend die Arme sinken und ruft uns kopfschüttelnd „schamo!“ hinterher, zum Abschied winkend, bis wir hinter der ersten Biegung des Bergpfades verschwunden sind.

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