Sechs Wochen Innere Mongolei, sechs Wochen Hohhot – eine Zeit, die sich anfühlt wie ein halbes Leben oder wie ein Wimpernschlag. Es war turbulent bei uns im hohen Norden, es war chaotisch, es war neu und es war spannend – es war unser eigenes kleines Multikulti-Tänzchen ums mongolisch-nomadische Lagerfeuer…

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Dschingis wacht über Euch

Hohhot ist schon ein gefährliches Pflaster – beim ersten Versuch, eine einspurige Verkehrsstraße gegen sieben Uhr morgens oder acht Uhr abends zu überqueren, ist das eigene Lebensende plötzlich in greifbarer Nähe, wenn man der Frage, ob man etwas scharf essen möchte, mit einem deutlichen Nein entgegenkommt, stellt man sich auf schwerwiegende Brandverletzungen im Rachenraum ein und sollte man zu den morgens noch verschlafeneren Geschöpfen auf Erden zählen, kann man sich darauf verlassen, dass einen die abgefrorenen minus-zwanzig-Grad-Ohrläppchen schnell wieder munter machen! Aber – der Mensch gewöhnt sich nicht nur an alles, wenn er einen Ort nur genug liebt, verliebt er sich auch in die kleinen Unmöglichkeiten – und egal, wie viele Überraschungen wir in den ersten Wochen gesehen haben, wir sind sicher, dass unsere Stadt uns sogar irgendwie mag!
Denn hier, im mongolischen Norden, unterstützt man natürlich schon aus Tradition den großen Herrscher, der noch heute auf seinem Sockel vor dem schönsten Tempel der Stadt thront und seine Untertanen beobachtet: Dschingis Khan, der große Eroberer, er ist immer noch da, wird immer noch verehrt, er ist allgegenwärtig. Er soll sich mit den Göttern und Helden angefreundet haben, unser Dschingis, er soll die Stadt und ihre Umgebung bis heute beschützten. Da können wir doch damit rechnen, dass er auch ein paar arme deutsche Weltwärtsler vor dem drohenden Chili- oder Taxitod bewahrt, oder?

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Chinesisch essen für Fortgeschrittene, Level 5: Hua Goa

China ist bekannt für auf der ganzen Welt als normal und höflich angesehene Essgewohnheiten, ein Vorbild für die vornehme Haltung von Bestecken und eine große Verfechterin der Kaffeekultur… hier sollte man sich nie bei Tisch die Nase schnäuzen und nie die Teekanne mit dem Hals nach vorn auf einen anderen Menschen zudrehen, nie mit Stäbchen spielen und nach dem Essen nicht zu lange sitzen bleiben. Gut, dass wir das alles jetzt wissen, heißt…ja, es heißt, dass wir das alles mindestens einmal falsch gemacht haben! Aber bei drei Millionen Einwohnern läuft man ja nicht jedem noch einmal über den Weg… Wir haben hier gelernt, dass man ohne zu zögern den Kopf in den Suppentopf stecken und die Nudeln einzeln einsaugen darf, dass man schlürfen kann und Männer einfach auf die Straße spucken. Dass es nicht leicht ist, die breiten Reisnudeln mit Stäbchen zu essen, während gerollte Fladen nur von einer bestimmten Seite genommen werden dürfen, dass Eier unmöglich sind und man sie am besten nicht in der Suppe bestellt, da sie prinzipiell dorthin zurück fallen und dabei den gesamten Tisch vollspritzen… Dass das Essen hier völlig anders ist, als im Chinarestaurant und gleichzeitig so viele Male besser (und nein, es gibt keinen Hund, bei uns ist eher Lamm an der Tagesordnung…) und dass es ausnahmslos überall und zu jeder Mahlzeit heißes Wasser oder Tee gibt. Dass jede chinesische Familie mit ein bisschen Geld einen elektrischen Teetisch hat, über den die Engländer vor Neid erblassen würden. Und die Deutschen auch, was das Gewichtslimit auf dem Rückflug angeht, das haben wir noch nicht gelernt, das wird wohl die letzte große Erfahrung, wenn wir mit unserem Teelabor zum Mitnehmen am Check-In-Schalter stehen…

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Wenn man noch einen Moment Schleichwerbung machen dürfte – dann wäre es für etwas ganz besonders winterlich-mongolisches. Es wäre für eine ziemlich besondere Art, Fondue zu kochen, eine, in der es eine scharfe, kochende Suppe gibt, in die nach und nach kiloweise Fleisch, Gemüse, Tofu und alle möglichen und unmöglichen Dinge verschwinden, die wir in Europa noch nie gesehen haben, aber dringend dorthin importieren müssten. Hua Goa, Hot Pot – es ist wie eine chinesische Suppe, nur dass man sich mit den Stäbchen einzelne Dinge herausfischt und auf seinen Teller lädt – also wie eine Suppe, bei der man sich leider nicht einmal vorbeugen kann, um sie in sich hinein zu schlürfen. Ein neues Suppenlevel also – viel Freude am Geschmack und an der neuen Schwierigkeitsstufe!

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Überleben bei minus 16 Grad, Schneeballschlachten und Sonnenbrand

Wie schon angedeutet, es ist hier kalt. Das heißt, als wir gekommen sind, war es das nicht – wir sind tatsächlich von plus auf minus zwanzig Grad gekommen und das in gerade einmal einem knappen Monat. Überall ist es weiß geworden, die Shopping Malls wünschen uns „Merry Xmas and New Year Happy 2016“ und Weihnachten rückt näher, ohne dass man dafür hektisch zum verkaufsoffenen Adventssonntag rennen muss.

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Im Winter liegt eine unglaubliche Ruhe über der Stadt, die Autos fahren gezwungenermaßen gefühlte fünfzig Stundenkilometer langsamer als sonst, die Menschen nehmen sich mehr Zeit (nicht nur zum Schneegenuss, sondern auch aus Angst vor den vereisten Böden) und unsere Studenten lernen, was Schneemann auf Englisch heißt und lachen über den Ausdruck, dass eine Nase einem davonlaufen kann, wenn sie nur erkältet genug ist. Die Sonne ist das Einzige, was genauso stark zu bleiben scheint, wie im Sommer, wenn Dschingis nicht über uns wachen würde, wäre das beinahe schon gefährlich… und die Fröhlichkeit der Menschen um uns herum ändert sich genauso wenig. Ab und zu finden Deutsch-Chinesische Schneeballschlachten statt und die Glückshormone dürfen genauso in die Höhe schießen, wie die ständigen chinesischen Feuerwerkskracher, die man bei jedem Festtag (also jedes Wochenende, Winter wie Sommer) unter den Fenstern sehen kann. China ist manchmal so laut, dass man es eigentlich im fernen Deutschland schon wieder hören muss…

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Chinesisch vom Fach

Die Sprache. Darüber könnte man eigentlich Seiten schreiben, vielleicht möchte ja jemand demnächst seine Doktorarbeit machen und sucht noch ein Thema… Als wir hierher gekommen sind, konnten wir Hallo sagen und ausdrücken, wo wir herkommen. Wir konnten die Frage, aus welchem Land wir sind, nicht verstehen – aber wir konnten sagen, dass wir Deutsche sind. Tatsächlich war das allerdings in neunzig Prozent der Fälle sowieso die richtige Antwort… Inzwischen, nach beinahe vier Wochen chinesischem Chinesischunterricht (soll heißen: Intensivkurs nach Plan) können wir sogar schon, wenn auch noch mit gelegentlicher Zeichensprache, ab und zu Gespräche führen. Und wir verstehen, warum unsere Schüler gerne mal „also can…“ schreiben, Spaß haben mit „go play“ übersetzen und prinzipiell in jedem zweiten Satz entweder kein Subjekt, oder kein Verb einbauen. Ihre Sprache hat da so ihre Eigenheiten – aber, wenn man versteht, was das Problem ist, wird alles sehr viel einfacher. Überhaupt wäre die zweite Doktorarbeit über das Grammatikkorrigieren unserer Studenten fällig, über unseren Speaking-Unterricht und unsere Englisch-Corner-Debatten, über unser vorsichtiges Herantasten an den chinesischen Akzent (fit und fat kann man tatsächlich gleich aussprechen, sollte man aber nicht), an den Ausdruck (ja, filial obedience steht im Übersetzter, nein, im normalen Gespräch versteht das trotzdem nicht jeder) und über unsere langsam aufgebauten Freundschaften, die das Englisch unserer Chinesen verbessern und unsere Chinesischvokabeln anstrengen. Hände, Füße und das Handy sind sinnvoll – aber in alleine den wenigen Wochen Hohhot, die wir erleben durften, ist der Kopf auch schon mit eingestiegen.

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Women shi Pengyou

Wir lieben die Welt, das ist die richtige Einstellung, wenn man ins Ausland geht. Vor allem, ganz besonders, sehr wichtigerweise, in China… egal, ob man etwas möchte, oder nicht, wenn man jemanden in seinem Büro besucht, geht es zu allererst darum, wie gut es einem selbst, dann dem Gesprächspartner geht und wie sehr man sich schon in der Stadt zurechtfindet. Danach werden uniinterne Informationen diskutiert und über China im Ganzen spekuliert, bis schließlich durch die Frage „can I help with anything else“ aufgefordert wird, das eigentliche Anliegen kurz und sachlich zu erläutern. Eine Aufgabenstellung wie im Abitur. Aber sehr nützlich, denn wenn man die chinesischen Diplomatiefreundschaftstaktiken erst einmal durchschaut, erreicht man für Gewöhnlich, was man will.
Aber, natürlich, women shi pengyou, wir sind Freunde, geht noch viel tiefer, als das bloße Bekannten- und Diplomatienetzwerk, das haben wir in diesen kurzen sechs Wochen zu unserem großen Glück auch gelernt. Denn in China ist es leicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sie bloß ein bisschen pflegt, sich ein paarmal trifft und offen ist, die Pläne für den Nachmittag innerhalb von dreißig Sekunden wieder umzustellen. Wenn man die WeChat-App runterlädt und dort schnell genug auf Nachrichten reagiert, ist das auch äußerst nützlich. Chinesen sind vor allem ganz und gar nicht so zurückhaltend, abwartend oder verschlossen, wie es und das Klischee berichtet und wenn das Eis erst einmal gebrochen ist, gibt es gute Chancen auf längere Kontakte. Das zeigt sich dann darin, dass man auch als ausländischer Gast ohne große Schuldgefühle sagen darf, wenn einem eine bestimmte Vorspeise des tellerreichen Mittagessens mit mindestens zehn Beilagen nicht so ganz richtig schmeckt. Und darin, dass das chinesisch-deutsche Lachen im Gespräch immer lauter wird…
Wir sind nicht in China und wir sind nicht in der Mongolei, wir sind nicht auf dem Dorf, aber auch nicht in der Großstadt. Wir sind in Huhehaote, Nei Menggu, bei Dschingis und den Schneemännern, dort, wo Eselskarren noch von Zeit zu Zeit auf den Straßen Orangen und Birnen verkaufen und wo James Bond im Kino läuft. Wir sind gerade ein paar kurze Wochen hier und wir wissen, was „Ich liebe Hohhot“ auf Chinesisch heißt…

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