„Sommer, 35° Grad plus. Der Nu Fluss schlängelt sich rasant durch die mit Maisfeldern übersäten Berge. Mitte Juli treffen immer mehr deutsche Freiwillige im kleinen 80.000-Leute Städtchen Liuku ein. Warum? Ganz klar – Summerschool.

Mein Name ist Wang Li Po. Ich wohne in einem Slum weit weg von der Xiao Sha Ba Grundschule, die ich jetzt schon zum vierten Mal, auch während der Ferien, besuche. Jeden Morgen holt mich ein Deutscher von zuhause ab und fährt mit mir im Bus zur Grundschule auf die andere Flussseite. Ich gehöre zu den letzten Kindern die ankommen, habe aber trotzdem noch ein paar Minuten lang Zeit mit meinen Freunden auf dem Hof Basketball zu spielen oder (was den deutschen Lehrern nicht so gefällt, aber das müssen sie ja nicht erfahren) in die Grünanlagen zu gehen und sie dadurch kaputt zu machen. Um acht Uhr gibt es Frühstück. Wir, also alle 60 Kinder, die zur diesjährigen Summerschool kommen, waschen uns die Hände mit Seife und stellen uns in Zweierreihen in unseren Klassen auf. Die deutschen Lehrer gehen mit großen Schüsseln voller Baozi von Klasse zu Klasse und geben jedem großen Schüler einen, den kleinen einen halben. Ich möchte mir am liebsten immer gleich drei nehmen, aber wir bekommen erst einen zweiten oder dritten Baozi, wenn wir den vorherigen aufgegessen haben. Danach heißt es Zähneputzen. Ich versuche mich davor zu drücken, weil ich so viel lieber Basketball spielen würde, aber die Lehrer kriegen es jedes Mal mit. Nach dem Zähneputzen ist auch kaum noch Zeit dafür.

Bob 2

Heute ist Donnerstag. Ich habe zuerst Chinesischnachhilfe in einer Gruppe von insgesamt sieben Schülern meiner Summerschoolklasse (insgesamt 21 Schüler). Ich kann alle Fragen stellen, die ich zu dem Fach habe. Der chinesische Lehrer nimmt sich viel Zeit für mich und hilft mir dabei, alles besser zu verstehen. Genauso in der zweiten Stunde im Mathenachhilfeunterricht. In der dritten Stunde habe ich Englischnachhilfe mit den deutschen Lehrern. Sie bereiten immer so lustige Arbeitsblätter vor, die ich manchmal nicht verstehe, aber das macht nichts – es freut mich, dass sich alle Lehrer endlich einmal Zeit für mich nehmen und sich um meine Probleme kümmern. Nach den drei Stunden Nachhilfe kommt noch eine Stunde richtiger Unterricht. Danach heißt es: bereitmachen zum Mittagessen.
Wie beim Frühstück auch waschen wir uns alle die Hände und stellen uns auf. Wir Großen müssen seit der vorletzten Summerschoolwoche jeweils mit einem ganz kleinen Kind aus der Vorschulklasse an der Hand bis zum Restaurant laufen. Das nervt. Aber was soll’s. Ich habe ja Erfahrung mit meinen kleinen Geschwistern. Das Essen ist immer super lecker – zwei verschiedene Beilagen, eine Suppe und natürlich Reis. Die Lehrer achten immer darauf, dass wir alle gemeinsam mit dem Essen anfangen und ausreichend Reis in ihren Schüsseln haben. Sobald wir wieder an der Grundschule sind, müssen wir uns die Zähne putzen, bevor die Lehrer uns unsere Bälle geben. Meistens spiele ich zwei oder drei Runden mit meinen Jungs … und dann gehen wir runter zu den Wasserschläuchen und machen uns einmal komplett nass. Unsere Sachen trocken dann bis zum Unterricht von ganz alleine in der Mittagshitze.
Aber in dieser, der letzten Summerschoolwoche, haben wir nachmittags keinen Unterricht mehr. Wir durften uns aussuchen, was wir nachmittags machen wollen. Ich habe mich natürlich für Basketball eingetragen. Der Sportlehrer ist fast so cool wie ich. Meine Schwester Wang Li Du ist beim Singen in der ersten Etage. Während ich draußen für Basketball trainiere, höre ich sie singen und ab und zu auch eine Gitarre dazu spielen. Eigentlich wollte sie aber zur Tanzgruppe. Ich glaube, im zweiten Stockwerk ist noch eine Mal- und Bastelgruppe.
Um 16.20 Uhr räumen wir alle zusammen die Schule auf. Putzen. Wischen. Fegen. Alles was dazu gehört. Auch dazu versuchen ich und meine Jungs uns meistens zu drücken, aber das endet meistens darin, dass wir die Toiletten putzen dürfen.

Bob 2

Das wichtigste passiert aber auf dem Rückweg. Vor der Busstation ist ein kleiner Kiosk. Mein Vater gibt mir jeden Morgen einen Yuan mit, damit ich mir etwas Leckeres kaufen kann. Manchmal kaufen uns auch die Lehrer etwas. Am Ende sitze ich im Bus mit 30 anderen Kindern und wir alle haben etwas zum Knabbern oder Schlabbern in den Händen. Ein ganz großartiges Erlebnis. Die deutschen Lehrer bringen uns auch immer zurück nach Hause. Ich und meine Schwester steigen aber einfach an unserer Station aus und sagen der Lehrerin, die mit einigen Kindern noch weiter fahren muss, „Bye, Bye! Bis morgen!“.
Ein voller Tag für ein Kind.

Für die Freiwilligen gibt es aber noch mehr zu tun. In der Mittagspause treffen wir uns mit allen chinesischen Helfern, um Aktuelles zu besprechen. Abends treffen wir Deutschen uns noch einmal untereinander, um zu klären, was gut lief und was nicht. Außerdem stehen am Wochenende diverse Unternehmungen mit den chinesischen Helfern an: KTV, schwimmen gehen, auf einen Berg wandern, kochen oder einfach einen Film gucken. Außerdem schreiben wir über jedes Kind einen Bericht, damit den Paten in Deutschland auf dem neusten Stand ihrer und unserer Schützlinge sind. Und was am fast am bedeutendsten ist: die in den letzten vier Wochen betreutem Summerschool-Vorschulkinder zum kommenden Schuljahr einzuschulen.

Das ist alles die Summerschool. Zumindest ein Ausschnitt. Nur im Umfang eines Buches könnte angemessen vermittelt werden, was die Summerschool wirklich ist. Und dann auch nur aus meiner Sicht. Kurz gefasst kann ich diese Erfahrung, dieses Abenteuer aber so umreißen: Die Summerschool ist Spaß, ist Stress, ist ein Mega-Projekt, dass uns alle vor große Herausforderungen gestellt hat, noch immer stellt und uns persönlich als auch alle Beteiligten einen großen, geistigen Schritt nach vorne machen lässt.

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von Ulrike Knoll