Peru

Seit 2013 ist das Baumhaus-Projekt nicht mehr „nur“ in China aktiv, sondern auch auf der anderen Seite der Welt- in Peru. Vor 3 Jahren zogen das erste Mal 6 Freiwillige in den Distrikt Cusco, wo wir bis heute arbeiten. Obwohl das Projekt in Peru noch in den Kinderschuhen steckt, sind mit jeder neuen Generation nicht nur mehr Freiwillige sondern auch mehr Standorte hinzugekommen, so dass mittlerweile 11 Freiwillige in 3 Standorten arbeiten und lernen.
Innerhalb des Freiwilligen-Jahres lernen wir natürlich auch die Kultur, Besonderheiten und Problematiken Perus kennen, die wir kurz anreißen wollen.

Peru ist ein Land mit einer unglaublichen Bandbreite an Kultur, Natur und Traditionen.
Die drei großen Naturräume – Costa (Küste), Sierra (Hochgebirge/Anden) und Selva (Regenwald), in die sich Peru untergliedert, sind Heimat einer einzigartigen Artenvielfalt in Flora und Fauna. Wer hier ein Jahr verbringt wird versuchen, so viel wie möglich zu reisen und mit dem Gefühl zurückkommen, dass deutsche Laubwälder und die Alpen, nicht alles im Leben sein können. Das Fernweh nach Südamerika und seiner faszinierenden Landschaft wird man sicher nie wieder los.
Genauso groß wie Perus naturräumliche Vielfalt ist auch seine kulturelle Vielfalt. Besonders in der Region Cuscos, in der wir leben und arbeiten, sind die 600 Jahre alten Überbleibsel der Inka immer noch Teil der Gegenwart.
Obwohl die ehemalige Hochkultur der Inka mit dem Eintreffen der Spanier blutig beendet wurde, lebt viel der Kultur und Tradition hier fort. 47 Prozent der Bevölkerung sind indigen und viele von ihnen sprechen noch oder ausschließlich die indigenen Sprachen wie Aymara oder Quechua. Seit kurzem ist letzteres hier im Distrikt Cusco auch wieder Teil des Lehrplans. Dass den Peruanern ihr Inka-Erbe sehr wichtig ist, merkt man auch an den vielen Inka-Festen und Traditionen, die neben vielen katholischen Feiertagen, fester Bestandteil des Lebens sind. Diese Besinnung auf die Inka-Wurzeln wurde besonders in den letzten Jahren auch von der Regierung gefördert, was nicht immer so war. Nach dem Eintreffen der Spanier war Peru lange Zeit Schauplatz blutiger Widerstandskämpfe und später dann ständig wechselnder instabiler zum Teil diktatorischer Regierungen. Diese Phase der ständigen Umbrüche endete erst 1980. Seither ist Peru eine zwar noch recht junge, aber stolze Demokratie mit einer umfangreichen Parteienlandschaft.
Die lange Zeit der politischen Instabilität hat Peru auch wirtschaftlich geschwächt, was die schnell wachsende Republik jetzt aufholt. Aber dieses rasche Wachstum hat eine immer größere soziale Schere zur Folge, zwischen den großen touristisch geprägten, immer reicher werdenden Städten und den wesentlich kleineren, ärmeren Dörfern bzw Vorstädten.
23,1 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze und von einem Dollar am Tag, umgerechnet ungefähr 3,4 Nuevo Sol. Gerade in den infrastrukturell sehr schlecht erschlossenen Bergdörfern gibt es viele „Identitätslose“, also Menschen, die von der Regierung nicht erfasst und somit für diese auch nicht existieren. Diese Menschen haben somit keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung, Sozialhilfe oder die geringe Rente, die der Staat sonst leistet.
Obwohl die staatlichen Schulen kostenlos sind, brechen noch zu viele Kinder den Schulbesuch frühzeitig ab, weil sie sich keine Schulmaterialien, wie Hefte, Stifte oder die obligatorische Schuluniform leisten können. Oft müssen sie auch arbeiten gehen um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Außerdem gibt es hier einen riesigen Sektor der privaten Bildung. Die Kindergärten, Schulen und Universitäten dieser Art sind oft wesentlich besser ausgestattet, denn den staatlichen Schulen fehlt es, gerade auf dem Land, oft an gut ausgebildeten Lehrern und Schulmaterialien. Doch natürlich kann es sich bei weitem nicht jede Familie leisten, ihren Kindern den Besuch einer privaten Institution zu ermöglichen. So kommt es in Peru traurigerweise zu einer 2-Klassen-Bildung, die Teil einer ohnehin schon tief gespaltenen Gesellschaft ist.
Viele der Kinder, die trotzdem die Möglichkeit der Bildung wahrnehmen können, verlassen mit dem Beenden der regulären Schulzeit von 11 Jahren nicht nur die Gesamtschulen (Secundarias) sondern auch ihre Dörfer um in den Städten zu studieren. Die Konsequenz ist allgemein bekannt: Die abgelegenen Dörfer werden immer leerer und die Vorstädte immer voller. So merkt man, dass gerade in Cuscos Randbezirken die Bevölkerungsdichte und Armut in den letzten Jahren stark angestiegen ist.
Trotz dieser zahlreichen Probleme und Hürden, die das Land noch überwinden muss sind die Peruaner unglaublich freundliche und hilfsbereite Menschen.
Es ist normal sich mit dem Taxifahrer, dem Schuhmacher oder auch der Señorita, die man zufällig auf der Straße trifft länger und ausführlicher zu unterhalten, etwas über sich zu erzählen und im Gegenzug auch etwas über ihr Leben zu erfahren.
In Peru wird viel gelacht, getanzt und gefeiert und das Leben genossen: „Siempre feliz!“ (Immer glücklich) ist ein bisschen die Lebenseinstellung.
Diese Energie merkt man auch beim Unterrichten der Kinder, die zwar sehr liebenswert und auch überwiegend wissbegierig sind aber auch ein großes Mitteilungs- und Bewegungsbedürfnis besitzen. Die dadurch entstehenden Schwierigkeiten mit der Disziplin und die großen Wissens-und Leistungsunterschiede erfordern differenziertes und sehr geduldiges Arbeiten mit den Schülern. Auch das allgemein bekannte Klischee, der etwas schusseligen und unpünktlichen Südamerikaner hat einen wahren Kern, Zeit wird her schlichtweg anders bemessen oder gar nicht erst geplant.
Wenn man in Peru leben möchte, sollte man sich also klar machen, dass hier zwar viele Dinge anders sind als in Deutschland, aber man auch eine Unmenge an Gemeinsamkeiten finden kann. Man muss nur etwas suchen und sich auf die Menschen und ihre Sichtweisen einlassen. Wer das schafft, der wird ein Jahr in einem der schönsten Länder der Welt verbringen – und ganz sicher nicht als derselbe nach Deutschland zurückkehren.