Als sich am frühen Sonntagmorgen ein Teil unserer Gruppe zu Fuß auf den Weg ins Bergdorf machte, ließen die warmen Sonnenstrahlen den Gedanken an den baldigen Einbruch der Regenzeit in den Hintergrund rücken und versprachen stattdessen einen wunderschönen, sonnigen Frühlingstag. Lediglich zwei von uns blieben in Fugong zurück, um eine Weile später, auf der Ladefläche eines robusten Trucks zwischen den unzähligen Kleidersäcken sitzend, ebenfalls in Richtung O Do Di aufzubrechen.

Schon einmal, zwei Wochen zuvor, hatten wir uns auf den Weg nach O Do Di zur Kleiderverteilung gemacht, nur um dann schließlich festzustellen, dass es sich bei jenem Dorf um ein anderes gehandelt hatte.

Am Samstag nun, dem Tag vor unserer Verteilung, hatten wir das richtige O Do Di erkundet und  die notwendigen Absprachen mit dem örtlichen Dorfpfarrer getroffen, der uns bei der Organisation der Verteilung unterstützte.

Fahrt

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Fast zeitgleich trafen am Vormittag dann Wanderer und Truck in dem Dorf ein, dessen Häuser sich weit verstreut über den Hang des Berges erstreckten. Nachdem die schweren Kleidersäcke vor der Kirche abgestellt waren, fand man sich nach einer Einladung des Pfarrers im Hause der Kirchengemeinde zusammen, wo bereits für die ausländischen Gäste Reis und Fleisch vorbereitet worden war. Außer dem Pfarrer selbst saßen auch die Köchinnen, Lisu-Frauen aus dem Dorf, mit am Tisch und versuchten uns lachend ein paar Worte ihrer Sprache beizubringen. Sie selbst sind jetzt dazu imstande, „mmh, lecker“ zu sagen. Als die Bäuche voll waren, war es auch schon Zeit für die Sonntagsmesse.

In der Kirche hatten auf der linken Seite die Männer, auf der rechten Seite die Frauen Platz genommen, herausgeputzt in ihren bunten Trachten, die langen schwarzen Haare zu Zöpfen geflochten.

Während man gemeinsam aus dem Lisu-Gesangbuch, eines der beiden einzig existierenden Lisu-Schriften, Lob-Preis-Lieder sang und der Priester von der Bühne aus predigte, wurden wie in jedem lokalen Gottesdienst Kinder durch die Bänke gereicht, gehalten, geschimpft, gestreichelt – der Nachwuchs steht an erster Stelle.

Zwischendurch kam eine Gruppe von in Trachten gekleideter Frauen auf die Bühne, die sangen und dazu traditionell tanzten. Im Anschluss daran traten ein paar Männer dazu, sie sangen gemeinsam mehrere mehrstimmige Lieder. Wir waren positiv über die wohlklingenden, harmonischen Töne überrascht, die man sonst im Lisu-Gesang selten findet.

Nachdem Frauen sowie Männer ihren Auftritt hinter sich hatten, waren die Gäste an der Reihe. Natürlich hatten wir vorher ausgiebig geprobt und begeisterten unsere Zuschauer in der Kirche mit Versionen von Lemon Tree und Go Down Moses.

Kurz vor Ende des Gottesdienstes bereiteten wir draußen die Kleidersäcke zur Verteilung vor, indem wir verschiedene Plätze für verschiedene Kategorien von Kleidung einrichteten. Die vorher durchgesprochene Aufgabeneinteilung sah vor, dass sich jeweils eine Person um das Ausgeben von Männer- bzw. Frauenoberteilen sowie von Männer- bzw. Frauenunterteilen kümmerte. Jeweils für die Männer- und Frauenseite gab es eine Person, die Strichliste führte, um festzuhalten, an wie viele Menschen Kleidung verteilt wird. Einer war für das Fotografieren zuständig, ein weiterer wurde dazu bestimmt, den Überblick über die ganze Aktion zu behalten, Anweisungen zu geben und mit den Lokalen zu kommunizieren.

Zunächst kam der bunte Zug der Frauen in andächtigen Schritten draußen an, gefolgt vom Zug der männlichen Gläubigen. Die Dorfbewohner verteilten sich auf dem schmalen Platz vor der Kirche und warteten, bis ihr Name aufgerufen wurde. Anhand einer vorher geschriebenen Namensliste besonders bedürftiger Familien nannte der Pfarrer den Familiennamen und die Anzahl der in diesem Haushalt lebenden Personen. Ein Familienmitglied trat daraufhin nach vorne und holte sich ein entsprechendes Kleiderbündel bei uns ab.

Meist gaben wir einer Person drei Kleidungsstücke, entweder zwei Hosen oder zwei Oberteile. Nur wenig Kleidung blieb letztendlich übrig, die wir dann zur weiteren Verteilung dem Pfarrer überließen. Auch die herumschwirrenden Kinder bekamen zum Schluss etwas aus einem Extra-Sack Kinderkleidung. Die herzlichen Menschen, die Sonne und die traumhafte Aussicht ins Tal schafften eine ganz besondere Atmosphäre.

Die Verteilung verlief im großen Ganzen ruhig und strukturiert; unsere strikte Aufgabeneinteilung hatte sich bewährt. Beim Abstieg waren wir sehr, sehr zufrieden mit dem Tag, damit, dass wir mehr als 700 Kleidungsstücke verteilen konnten und auch ein bisschen stolz auf uns, die wir als Team erneut wunderbar zusammengespielt hatten und nun glücklich auf das gemeinsam Erreichte zurückblicken können.

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