Was machen wir Freiwillige eigentlich den ganzen Tag? Was erleben wir, worüber machen wir uns Gedanken? Sicherlich spannende Fragen, vor allem weil die Erlebnisse an den verschiedenen Standorten teilweise sehr unterschiedlich, manchmal aber auch sehr ähnlich ausfallen.

Um einen Eindruck von den (Erlebnissen) der Freiwilligen zu bekommen wurden Freiwillige aus allen Provinzen befragt.
Beginnen möchten wir mit der 19 jährigen Ulrike (Gruppenleiterin in Jiangxi, Jinggangshan) und dem ebenfalls 19 jährigen Sebastian (Yunnan, Pu’Er).

Sebastian & Ulli

Ulli, wie sieht ein typischer Tag bei dir in China aus?
“Ausschlafen, Mittagessen, unterrichten, Kram erledigen, Abendessen und dann was mit den anderen Freiwilligen machen – so sieht ein „langweiliger“ typischer Tag aus.
Ein interessanter und ebenfalls irgendwie typischer Tag sieht so aus, dass ich denke mir stünde ebenso ein stink normaler Tag bevor – dann bekomme ich aber einen Anruf, eine E-Mail, eine Textnachricht oder sonst etwas und plötzlich muss ich meinen ganzen Tag auf den Kopf stellen, um zu einem wichtigen Essen zu gehen, einen Zettel zu organisieren oder etwas zu beantragen.”
Sebastian hingegen unterteilt seine Tage ganz klar in “typisch” und “untypisch”.
Typisch: Ich stehe um 10 Uhr auf, gehe duschen, dann eine nudelsuppe holen (die verkäuferin verwechselt mich mit Constantin und ich muss sie dazu bringen, mir keine Mehl- sondern Reisnudeln zu kochen). Im Anschluss Kaffee trinken, Musik hören und eventuell etwas Schreibarbeit erledigen.
Um 12 Uhr kommt es dann zu einem plötzlichen Aufschrecken, weil mein Nachbar „Sebastian, Sebastian“ durch’s Haus schreit. Mit ihm und Constantin geht es dann ab in die Kantine zum Mittagessen, danach eine traditionelle Runde Basketball. Anschließend der Versuch, die Mittagspause irgendwie produktiv zu nutzen… Aufwachen, ein wenig chinesisch lernen, später Unterricht (1-2 Stunden). Dann Englischcorner mit anschließendem Essen.

Untypisch: Um 8 Uhr aufstehen, auf’s Fahrrad schwingen und ab in den Süden. Sich nach 10 bis 20 Kilometern einen Teeberg aussuchen, den man erklimmt und sich anschließend irgendwo hinsetzen, lesen und Chinesisch lernen. Zurückfahren, dann um 5 Uhr Unterrichten und Abends nach einem aufregenden Tag früh schlafen gehen.”

Die interessanteste Unterhaltung, die Sebastian je mit einem Chinesen geführt hat, war mit einem atheistischen „Kommunisten“, der die Bibel gelesen und auch sonst unglaublich gebildet schien. Ca. 3 Stunden tauschten sie sich über Geschichte, Politik, Religion und Gesellschaft aus.
Und wovon handelte deine, Ulli?
“Über Schwangerschaft, Abtreibung, Todesstrafe und Homophobie… das kam unerwartet.”

Ihren schönsten Moment im Unterricht kann Ulli gar nicht genau eingrenzen. Immer dann, wenn sie die Klasse zum “Goodbye” sagen aufstehen lässt, schaut sie in ihre fröhlichen Gesichter und weiß, dass sie es wieder einmal geschafft hat, die Schüler für wenigstens 40 Minuten aus ihrem tristen Schulalltag entfliehen zu lassen. Diesen Moment beschreibt sie als besonders erfüllend.
Was war Sebastians schönster Moment im Unterricht?
„Jedes Mal, wenn die Schüler vor Beginn etwas an die Tafel geschrieben haben (z.B. You are cool, Everyday happy!, I love you) und einem das dann ganz stolz präsentierten.“

Beschreibe einen Moment, in dem einfach alles gestimmt hat.
Sebastian: „Ein Basketballspiel mit Chinesen auf mir haushoch überlegenem Niveau (die Chinesen sind bekanntlich ja verrückt nach Basketball), trotzdem konnte ich beim Spiel durch viel laufen und integrationsbereitschaft meiner Mitspieler letztendlich ein paar Körbe werfen.“
Ulli: “Wenn in China jemals alles perfekt gewesen wäre, wäre es nicht China gewesen.“

Lieber Sebastian, gibt es einen Ort, an dem du so richtig entspannen kannst?
„ Im Aini Coffee zusammen mit der Filialleiterin und Freunden, außerdem natürlich in den Teebergen.“
…und für Ulli ist es „ [ihr] Bett. Sieben grüne Decken als Unterlage kommen einer Matratze schon relativ nahe :D“

Eine Sache, die sicher viele brennend interessiert: Ulli, Wie lautet deine peinlichste Fettnäpfchengeschichte?
„Zwei Wochen nachdem wir hier waren habe ich meinem Office auf die Frage „Wie schnell läufst du auf 100m?“ mit „Zwölf Sekunden.“ Geantwortet, weil ich dachte sie meinten 50m… egal wie oft ich es versucht hatte – am Ende musste ich doch noch beim Sportfest am Staffellauf teilnehmen. Da haben sie dann gemerkt und verstanden was ich ihnen eigentlich die ganze Zeit über mitteilen wollte.“

Als das eckligste, das Sebastian bis jetzt in China essen musste, bezeichnet er „Stinky Tofu“ – schein als wäre der Name Programm, nicht wahr? – stinkt nicht nur, ist auch ziemlich widerlich für seinen Geschmack.
Was war es bei dir, Ulli? Konntest du dich davor drücken oder war es eher eine „Augen zu und durch“-Situation?
„Beim Frühlingsfest: ein Kuhkniegelenk. Klingt eigentlich gar nicht mal so ekelig? Tja, nur doof dass so ein Kniegelenk nur aus Haut, Fett, Fett, einem Fitzelchen Fleisch und ach ja… Haut und Fett besteht. Auf meine Frage hin, ob man die Haut denn auch mit essen würde (eigentlich wollte ich mich davor drücken, da sie ganz und gar nicht wie dünne, knusprige Hühnerhaut, sondern eher labbrig und dick war), bekam ich ein „Ja, natürlich. Die Haut ist doch das Beste!“ zu hören und musste sie also genießen.“

Wie versuchst du (bzw. deine Gruppenmitglieder und du) den Weltwärtsgedanken in deinem Dienst umzusetzen?
Sebastian: Der Weltwärtsgedanke wird sicherlich hauptsächlich unbewusst umgesetzt. So befinden wir uns in einem fremden Land mit einer wirklich sehr anderen Kultur, lernen (wenn auch mehr oder minder erfolgreich) die Sprache und allein schon das Verlangen nach Freunden macht eine Integration notwendig. Auch Dinge wie Persönlichkeitsentwicklung der Freiwilligen selbst passieren viel stärker als man es sich vorgestellt hat oder auf den ersten Blick wahrnehmen könnte. Bei vielen Gruppenmitgliedern und auch bei mir selbst, habe ich große Veränderungen gerade im Denken wahrgenommen… und wenn man diesen Prozess jeden Tag mit begleitet, fällt er einem ja eigentlich nicht mal so sehr auf.
Ulli: Ganz klar in meinem Unterricht und der Projektarbeit. Zwar halte ich nicht jede Woche Stunden mit dem Thema Kultur, aber schon oft. Die chinesische Kultur bekomme ich mit sobald ich mein Zimmer verlasse. So findet quasi eine Art Kulturaustausch statt.
Und auch bei den Projekten – die hier hauptsächlich aus Aktionen für und mit den Schülern zu Themen wie Weihnachten, Ostern oder Welttanztag stattfinden ganz besonders.

Nun sind wir auch schon bei der vorletzten Frage angelangt… Wie bereitest du dich auf deinen Unterricht vor bzw. was ist dir in deinem Unterricht besonders wichtig? Wenn du jetzt einmal an deine ersten Stunden zurückdenkst, was geht dir dann durch den Kopf, Ulli??
In letzter Zeit bereite ich mich eigentlich immer auf meinen Unterricht vor, indem ich eine Powerpoint Präsentation vorbereite. Aber bevor ich das tue beschäftigt mich oft Tagelang das schwierigste an der Unterrichtsvorbereitung: die Themenfindung. Ist es zu leicht, langweilen sich die guten Klassen, ist es zu schwer schalten die schlechteren Klassen komplett ab. Seit ich mich entschieden haben unterschiedlichen Stoff bei unterschiedlichen Niveau zu unterrichten ist die Themenfindung (auch wenn ich jetzt eigentlich doppelt so viele Themen wie vorher brauche) erheblich leichter geworden. Mit den besseren mache ich dann eben mal eine Woche lang Aufbau und Struktur eine Pflanzenzelle während ich in den schlechteren Klassen drei Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts vorstelle und sie dann in Gruppen gegeneinander herausfinden lasse welcher Kunstrichtung das gezeigte Bild angehört.
Meine Hauptziele waren von Anfang an den Schülern Spaß, Selbstbewusstsein und auch ein wenig besseres Hörverständnis beizubringen. Hier und da habe ich auch die Gelegenheit an ihrer Aussprache zu pfeilen aber primär möchte ich wirklich, dass die Schüler nach meiner Stunde sagen: Ich hatte Spaß. (Wenn sie dabei noch was gelernt haben, bin ich natürlich auch sehr stolz).
Sebastian hat bei der Art seines Unterrichts bzw. seiner Unterrichtsvorbereitung ebenfalls eine erhebliche Entwicklung festgestellt. Er sagt:
Mein Unterricht besteht für die Oberstufenschüler momentan aus einer Geschichte, die ich ins Englische übersetzt habe. Die Essenz dieses Textes, der auf den ersten Blick von Elefanten im Zirkus handelt, besteht aus der Aufforderung, nichts, was man wirklich möchte, unversucht zu lassen, nur weil man es früher vielleicht schon einmal versucht hat und nicht erfolgreich war. Wir wissen oft gar nicht, was für ungeahnte Fähigkeiten in uns stecken.
Ich habe die Geschichte ausgewählt, weil mir aufgefallen ist, dass viele meiner Schüler ein relativ kleines Selbstvertrauen haben und ihre eigenen Fähigkeiten oft stark unterschätzen. Das geht von Englisch reden vor der Klasse über Gesichter malen bis hin zu Singen auf einem Schulwettbewerb.
In der Mittelstufe kann ich auch mit noch so vielen Vokabelangaben keine anspruchsvollen Dinge wirklich besprechen. Ich unterrichte die 7. Klasse, zu deren Anfang die Schüler überhaupt erst begonnen haben Englisch zu lernen. Dort geht es dann eher um Themen wie Gesichter, Hobbies oder Jobs.
Wenn ich den Unterricht zu Beginn mit meinem jetzigen Unterricht vergleichen soll, fällt ein ganz ganz deutlicher Qualitätsunterschied auf. Vor allem war mein Mittelstufenunterricht zu Beginn sicherlich nicht ganz so gut, mit der Zeit habe ich glaube ich aber ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen. Natürlich hilft es auch, immer mal wieder etwas auf chinesisch erklären zu können. Außerdem ist das Niveau der Schüler in der 7. Klasse stark angestiegen in der Zeit.

Was sind deine Wünsche beziehungsweise Ziele für die restliche Zeit deines Freiwilligendienstes, Sebastian?
„Ein Schwimmprojekt durchzusetzen und mich ordentlich mit Chinesen unterhalten zu können.“
Ullis Wünsche sind: „Mehr chinesisch lernen, meinen Unterricht noch ein wenig effektiver gestalten ohne dabei den Spaßfaktor zu mindern, mindestens noch eine große, coole Aktion mitgestalten und nie wieder Kniegelenke essen.“

Abschließende Worte von Sebastian lauten „Love for China!“.