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Es ist der 16.Dezember. Da stehen wir nun um halb sieben morgens mit zerknautschtem Gesicht und halboffenen Augen. Zwar ist es unseren Gesichtern nicht anzumerken, aber wir sind aufgeregt wie Erstklässler, die jeden Moment ihre erste Unterrichtsstunde haben. Gleichzeitig sind wir auch motiviert wie die deutsche Fußballnationalmannschaft vor dem WM-Finale. Uns sechs Lanping-Freiwilligen steht nämlich die erste Kleiderverteilung bevor. Dass es sich dabei gar um die größte „Baumhaus“-Verteilung jemals handeln soll, motiviert uns noch mehr. Begleitet werden wir noch von Leonard Schmidt, dem Verlängerer. An diesem Abend soll auch noch ein Chinese zur Verstärkung kommen.

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Um etwa sieben Uhr morgens fährt der Transporter vor. Unsere Mimik verändert sich zum ersten Mal zu einem zweifelnden „Wird-das-passen?“-Gesicht. Zwar fasst der Transporter 1,5 Tonnen, doch ob das für unsere gut 4000 Kleidungsstücke und 130 Bettgarnituren reicht, ist noch unklar. Dennoch laden wir den Transporter mit den Kleidungskartons und -säcken voll. Spätestens jetzt wird uns klar, dass die noch fehlenden Bettgarnituren, die noch in Lanping abgeholt werden müssen, nicht mehr passen werden. Wir beschließen, dass wir so viele Sets wie möglich mitnehmen wollen. Die Wetten, wie viele wir mitnehmen können, schwanken zwischen 25 und 50.

DSC_0331Selbst als wir am Bettwäsche-Laden angekommen sind und die ersten zwanzig Bettwäschegarnituren auf der Ladefläche platziert werden, sind wir noch skeptisch. Je mehr wir aber gegen Hundert streben, desto klarer wird uns, dass wir vermutlich doch Alles mitnehmen könnten. Tatsächlich ist nach kurzer Zeit der Transporter vollgeladen mit all unserem Inventar. Somit machen wir uns auf den Weg Richtung LianCheng, unserem ersten Ziel von Dreien. Zwei sind im Transporter untergebracht und der Rest wird im Minibus transportiert. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir die Grundschule in LianCheng, an der wir herzlich mit Essen empfangen werden. Der erste Eindruck von der Schule überrascht uns, weil er schon ein deutlicher Kontrast ist zu dem Zustand vor zwei Monaten, als wir die Umgebung rund um YingPan erkundet haben. Die Schlafsituation hat sich positiv verändert und auch die Kleidung einiger Kinder ist besser geworden. Dennoch sehen wir bei Vielen noch Verbesserungspotenzial, sodass wir nach dem Essen den Transporter entladen und die Kleidungsstücke entsprechend nach Geschlecht in einem Raum ausbreiten. Schon wenig später nehmen wir die ersten Schüler an die Hand und führen sie zu unserem Raum voller Kleidung. Bei schlecht gekleideten Schülern achten wir darauf, dass die das bekommen, was sie brauchen. Ansonsten gehen wir auch auf die Wünsche der Schüler ein. Da zu diesem Zeitpunkt die Schuhe noch nicht eingetroffen sind und uns erst abends erreichen werden, können wir diese noch nicht an bedürftige Kinder verteilen. Nach der Verteilung essen wir zusammen mit den Lehrern. Danach spielen wir noch gegen sie Basketball, was von den Schülern lautstark bejubelt wird. Insgesamt haben wir mit den freundlichen Lehrern viel Spaß. Da wir aber noch Arbeit haben werden mit den soeben angekommenen Schuhen, beschließen wir, die Arbeit zuerst zu erledigen. Nach der gemachten Arbeit bleibt uns keine Zeit mehr übrig mit den Lehrern noch weiter Spaß zu haben, sodass wir alle ermüdet ins Bett fallen. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und müssen sofort eine wichtige Entscheidung treffen. In wenigen Stunden wollen wir weiter zu unserem zweiten Ziel, LaguShan. Es ist jedoch noch offen, was mit den Schuhen passiert, die wir am Vortag noch nicht verteilen konnten. Wir fassen den Entschluss, dass wir 65 Paar Schuhe in LianCheng lassen und dem Schulleiter die Verteilung überlassen. Dies machen wir nur, weil wir ihm vertrauen, dass er die Schuhe an die richtigen Schüler geben wird.

DSC_2221Durch diese Entscheidung können wir guten Gewissens nach LaguShan reisen mit einem neuen Transporter und einem Chinesen im Gepäck, der am Vorabend kam. Nach gut zwei Stunden erreichen wir die Grundschule in LaguShan, das kälter ist als LianCheng. Auch hier werden wir wieder mit Essen begrüßt. Beim ersten Kontakt mit den Schülern fällt uns auf, dass die Schule bedürftiger ist, als die Vorherige. Anders als in LianCheng, bekommen wir hier statt zwei kleinerer Räume, einen großen Raum zur Verfügung gestellt, in dem wir unsere zu verteilende Kleidung ausbreiten. Während der Verteilung werden wir „unterstützt“ von den Lehrern, die den Kindern teils unangemessene Kleidung geben wollen. Da wir als Jugendliche kaum Autorität gegenüber alten Chinesen besitzen, ziehen wir bei manchen Diskussionen den Kürzeren. Dennoch lassen wir uns auch nicht unterkriegen und bestehen bei manch schlecht gekleideten Schülern darauf, ihnen dicke Kleidung zu geben. Nach der Kinderkleiderverteilung möchten wir noch eine Erwachsenenkleiderverteilung machen, die eigentlich für den nächsten Tag geplant war. Da aber die Schule in SongBai, an der wir eine Hygieneaktion machen wollen, am Freitag keine Schule hat, müssen wir improvisieren.

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Also: Kinderkleidung schnell weg, Erwachsenenkleidung schnell auf die Tische. Die Erwachsenen lassen auch nicht lange auf sich warten. Viele von ihnen haben katastrophale Kleidung an für das kalte Wetter. Obwohl wir vorher Regeln festgelegt haben, wie viele Kleider jede Person mitnehmen darf, kneifen wir bei Einigen die Augen zu, weil sie sehr arm sind. An diesem Tag kommt nur ein kleiner Teil der Einwohner LaguShans, da sich der Ort über eine große Fläche erstreckt. Mit dem Schulleiter vereinbaren wir, dass er den restlichen Großteil mit dem Dorfvorsteher an die anderen Einwohner bringt. Wir sind zuversichtlich, dass das passieren wird, da es vor allem für den Dorfvorsteher von großem Interesse sein dürfte, seine Bürger und Bekannten mit Kleidung zu versorgen. DSC_0230

Durch diese Entscheidung können wir uns nach einer erholsamen Nacht in LaguShan am nächsten Morgen auf den Weg nach SongBai machen. Nur mit dem Hygienematerial und unserem eigenen Gepäck unterwegs, fühlen wir uns deutlich leichter. Nach wieder etwa zwei Stunden Fahrt werden wir in SongBai mit was begrüßt? Genau, mit Essen. Mit gefülltem Magen bereiten wir uns dann auf unser erstes Hygieneschauspiel vor. Da wir es in Lanping nochmals sorgfältig geprobt haben, klappt es an diesem Morgen wunderbar und die Kinder müssen sehr oft lachen. Nach diesem Schauspiel verteilen wir an alle Schüler eine Zahnbürste mit Becher, sowie eine Zahnpasta und Vaseline, da viele Kinder raue Haut haben. Wozu es auf Grund eines Missverständnisses leider nicht kommt, ist das gemeinsame Zähneputzen. Das schätzen wir im Rückblick allerdings nicht als gravierend ein, da Pascal und ich in kurzer Zeit sowieso eine ganze Woche an dieser Schule verbringen werden, um ihr Bewusstsein für Zahn- und Körperhygiene zu schärfen. Zudem ist uns auch an dieser Schule die schlechte Schuhsituation aufgefallen, sodass wir vermutlich von den restlichen Spendengeldern nochmal einkaufen gehen werden.

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Sowieso wäre diese Aktion, so wie sie verlaufen ist, niemals möglich gewesen, ohne die Unterstützung der Spender. Wir Freiwilligen sind sehr dankbar für Ihre Unterstützung und die Erfahrungen, die Sie uns ermöglichen.

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Zusammengefasst ist unsere Aktion außerordentlich gut verlaufen. Wir als Gruppe haben ohne Probleme funktioniert, waren spontan bei schwierigen Entscheidungen und jeder hat seine Arbeit ohne Murren absolviert. Was uns bei unserer ersten Aktion aber auch geholfen hat, war die Gastfreundlichkeit und Spontaneität der Verantwortlichen vor Ort und nicht zuletzt die Erfahrung Leonards, ohne die so eine gigantische Aktion zu diesem frühen Zeitpunkt unseres Aufenthalts sicher nicht möglich gewesen wäre.DSC_0455DSC_0192DSC_0348