Viele Lanpinger warnten uns im Vorfeld vor Shideng. Die kleine Stadt liegt wunderschön gelegen mitten in den Bergen, doch die Straßen dorthin seinen angeblich sehr schlecht und gefährlich und die Bewohner passenderweise dazu grob und gierig.

Diese Vorurteile können wir nun getrost widerlegen. Die Straße nach Shideng wurde gerade erst teilweise neu gemacht und die Bewohner Shidengs begegneten uns sehr freundlich und offen.

Shideng gilt im Landkreis Lanping als ärmste Stadt und vor allem die Dörfer rund um Shideng gehören zu den hilfsbedürftigsten. Nina und Paul sind einige Wochen vor unserer Verteilung schon einmal dorthin gefahren. Sie lernten sie einen sehr engagierten Lehrer der Grundschule kennen, der sofort seine Hilfe bei einer Kleiderverteilung zusagte und auch anbot, uns in ein noch ärmeres Dorf in der Nähe Shidengs zu bringen. Nachdem dieser Kontakt hergestellt war, zählten und wuschen wir alle unsere bereits vorhandenen Kinderkleider. Zusätzlich schickten uns die Freiwilligen in Liuku noch weitere zwei Reissäcke voller warmer Jacken und Mäntel und so hatten wir genügend Kleidungstücke für die 100 bedürftigen Grundschulkinder in Shideng und für die 70 Schüler an der Bergschule.

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Da die Verteilung so groß ausfallen sollte, wollten wir knappe drei Tage in Shideng verbringen. Nina und Paul sollten bei dem netten Grundschullehrer uns seiner Familie übernachten. Saskia, Christopher, Denise und ich dagegen im Hotel. Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit dem Grundschullehrer machten wir uns also alle gemeinsam auf den Weg zum Hotel. Doch kaum hatten wir unsere Zimmerreservierung ausgefüllt, kamen Beamte von der Regierung in das Hotel. Sie nahmen unsere Personalien und auch die des Lehrers auf und dann mussten wir erst einmal warten. Schließlich kam der Lehrer wieder zu uns und erklärte uns, dass uns leider verboten wurde in das Bergdorf zu fahren, da die Straße dorthin „zu gefährlich“ sei. Auf deutsch übersetzt bedeutet das so viel wie: „Wir möchten auf keinen Fall, dass ihr die Armut in den Bergen seht und mischt euch bitte nicht länger in Angelegenheiten ein, die euch nichts angehen.“ Es ist allgemein bekannt, dass die chinesische Regierung die Zustände in ihrem Land, abseits der großen Touristenmetropolen, unter Verschluss halten möchte, doch in eine solche Situation waren bis dahin noch keine Baumhaus-Freiwilligen geraten.

Nina und Paul wurde dann auch noch verboten bei dem Grundschullehrer zu übernachten und wir wurden alle sechs erst einmal in unseren Zimmern abgeliefert, natürlich nicht ohne die Anweisung diese bitte nicht zu verlassen.

Auf unseren Hotelzimmern waren wir selbstverständlich erst einmal etwas gefrustet. Schließlich hatten wir uns ziemlich viel Mühe mit dem Beschaffen der Kleidung gegeben und nun sollte alles umsonst sein? Zudem machten wir uns Gedanken um den Grundschullehrer der uns half, schließlich ist es das wichtigste, die Personen die uns unterstützen, nicht zu gefährden.

Den Rest des Tages wurden wir mit Essen beschäftigt. Ein paar Lehrer der Grundschule und auch zwei der Mittelschule bekamen anscheinend die Aufgabe uns nicht aus den Augen zu lassen. Das hat man auch ganz gut daran gemerkt, dass sie uns sofort hinterhergerannt sind, wenn wir
zum Beispiel zum Telefonieren kurz nach draußen gegangen sind. Zu Ende des letzten Barbecues wurde uns dann immerhin die Verteilung an der Grundschule garantiert. Damit wir danach aber nicht auf dumme Gedanken kommen konnten, wurden uns auch postwendend Tickets für den nächsten Bus nach Lanping gekauft. Für das Baumhaus-Projekt ist es somit immerhin positiv, dass keine hohen Kosten entstanden sind. Sowohl das Hotel als auch die Rückfahrt wurden von der Regierung finanziert.

Am nächsten Morgen waren wir uns eigentlich sicher, dass auch die Verteilung an der Grundschule nicht klappen wurde. Wir sollten morgens um acht abgeholt werden, doch es kam niemand. Obwohl uns verboten wurde, unsere Zimmer zu verlassen, sind wir nach einer Weile des Wartens dann doch nach unten zur Rezeption gegangen. Doch da war noch niemand und das Tor des Hotels war selbstverständlich gut abgeschlossen. Überraschenderweise wurden wir dann aber doch noch abgeholt. Nach einem viel zu langem Frühstück durften wir endlich auch unsere Kleider verteilen.
Die Verteilaktion an sich verlief absolut komplikationslos. Statt 100 Kinder an der Grundschule bekamen nun knappe 200 Schüler neue Kleidung. Vier der Freiwilligen haben die Kleider verteilt und zwei haben mit den wartenden Kindern gespielt. Einige Lehrer waren auch dabei und vor allem die Frau des Grundschullehrers, welcher die Verteilung organisiert hatte, war eine große Hilfe bei der Auswahl der Kleidung für die doch sehr unterschiedlich großen Kinder.
Außerdem bekamen die Lehrer noch einen Reissack voller Kinderbücher und Hefte von uns, die sie von nun an, je nach Bedarf, verteilen sollen.

Nach circa eineinhalb Stunden war unsere erste Verteilung auch schon beendet. Für die Zukunft wissen wir auf jeden Fall, dass unser System des Kleiderzählens und auch der Ablauf der eigentlichen Verteilung gut funktioniert und bei den kommenden Verteilungen wieder genauso angewandt werden kann.

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Um 12 Uhr ging es dann wieder zurück nach Lanping. Es ist zwar sehr schade, dass wir nicht in das Bergdorf fahren durften, aber dennoch haben wir bei der Verteilung in Shideng viel gelernt.
Die Probleme mit der Regierung waren zwar nicht schön, aber dadurch haben wir einen guten Einblick ein ein Land bekommen, in dem vieles unter Verschluss gehalten wird und in dem Hilfe von Außerhalb oft nicht erwünscht ist.

(verfasst von Nina)