Die erste Kleiderverteilung im Fu Gong County im neuen Jahr fand vergangenes Wochenende in vier verschiedenen Dörfern statt. Durch die große Spende von Erwachsenenkleidung von China Radio International aus Peking haben wir uns entschieden, dieses Mal nicht an die Kinder einer Bergschule zu verteilen. Ziel war es, besonders bedürftige Familien aus den Dörfern zu versorgen und jeweils jedem Familienmitglied ein Paket mit Kleidern zu geben.

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Nachdem wir Anfang des Monats die Kleidung für etwas mehr als 140 Erwachsene sortiert haben, haben wir mithilfe der kanadischen Familien Clark einen Lisu-Mann namens Ade gebeten, nach sehr armen Familien zu suchen. Ade hat bei der Fabrikarbeit an der Ostküste Chinas fast das Sehvermögen verloren und ist nun zurückgekommen in sein abgelegenes Bergdorf. Dort gehört er zu den ärmsten Familien. Er war drei Tage für uns unterwegs und hat in vier Dörfern Listen gemacht mit den jeweils bedürftigsten Familien. Um möglichst alle Familien zu finden, hat er in einer Familie je nach anderen armen Dorfbewohnern gefragt. In den Häusern hat er sich mit den Menschen unterhalten und deren Bedürfigkeit eingestuft. Kriterien waren unter anderem ob sie Tiere besitzen oder nicht, ob sie Reisfelder haben oder nur Kornfelder und ob sie Behinderungen haben oder erkrankt sind. Die ärmsten Familien hat er in Tabellen zusammengefasst und jeweils die Anzahl und das Alter der Familienmitglieder aufgeschrieben. Nach diesen Listen haben wir am Samstagmorgen Kleidung gebündelt. Jeder Erwachsene hat eine Hose und zwei Oberteile bekommen, ein dünneres T-Shirt und einen warmen Pullover oder eine Jacke. Da wir das genaue Alter der Menschen wussten, konnten wir darauf achten, dass beispielsweise alte Frauen Kleidung bekommen, die sie auch tragen können. Für die Kinder haben wir je nach Alter nach der passenden Größe gesucht. Babys und Kleinkinder bis zu vier Jahren haben mehr Kleidung bekommen, da sie besonders empfindlich sind und schnell wachsen. Während Marlena, Elena und Fabia den ganzen Tag bündelten, die Säcke packten und mit Namen versahen, konnten Max, Jonas und Marie am Nachmittag schon in das erste Dorf nördlich von Fu Gong fahren.

Die erste Verteilung im Lu Ma Deng-Bezirk fand in einem Dorf weit in den Bergen statt, und so sind wir gemeinsam mit dem chinesischsprechenden Kanadier Deane und dem Lisu-Auskundeschafter Ade mit dem Minibus bis nach Che Ke Di gefahren, ein Dorf im Tal, das man mit dem Auto erreichen kann. Ade hatte alle bedüfrtigen Familien gebeten, dort hin zu kommen und sich die Kleidung abzuholen. Im Dorf leben insgesamt 240 Familien, 19 davon haben Kleidung bekommen.

Da es die erste Verteilung mit Ade und Deane war, wussten wir noch nicht so genau, wie das ganze überhaupt abläuft. Wir trafen die Menschen auf dem Hof einer Schneiderin und begannen sogleich mit der Verteilung. Ade verteilte die Kinderkleidung, da sie immer mit den Namen der Familien beschriftet waren. Jonas war für die Dokumentation der Verteilung verantwortlich. Max kümmerte sich um den Sack der Männerkleidung, während Marie sich um die Frauenkleidung kümmerte und mit Deane die Liste abhakte.

Diese Menschen zu sehen, wie sie teilweise nicht einmal Schuhe hatten, war eine sehr eindrucksvolle Erfahrung und doch bemühte man sich, sich nichts anmerken zu lassen.

Bevor wir abfuhren, bat eine etwa vierzigjährige Frau Deane um Hilfe, da sie seit einigen Jahren langsam aber stetig ihr Sehvermögen verliert. In den letzten Monaten ist es sehr schmerzhaft geworden und die Dame hat große Angst blind zu werden. Ihr Mann musste vor einigen Jahren nach Myanmar und ist nie wieder gekehrt, man vermutet, dass er getötet worden ist. Nun kümmert sie sich alleine um ihre Familie und braucht deshalb Hilfe.

Am Abend waren die Kleiderberge bewältigt und so konnten Marie, Elena, Marlena und Fabia am nächsten Morgen gemeinsam mit Deane und Ade zu drei weiteren Bergdörfern im Jia Ke Di Bezirk südlich von Fu Gong aufbrechen. Die Stadt Jia Ke Di liegt dreißig Fahrminuten südlich von Fu Gong und von dort aus sind wir mit dem Minibus eine Bergstraße in Serpentinen hinaufgekrochen. Das Bergdorf, in dem wir verteilt haben, heißt Li Wu Di und liegt weit oben. Zu dem Punkt, wo die Straße endete und man nur noch zu Fuß weiter in die Berge gelangt, hat Ade jeweils ein Mitglied der Familien gebeten. Er hatte 13 von 180 Familien als bedürftig eingestuft. Sie waren bei unserer Ankunft schon versammelt und wir haben einzeln ihre Namen aufgerufen und ihnen ihre Pakete gegeben. Es war so schön zu sehen, wie sie sich freuten und uns mit strahlenden Augen die Hände schüttelten.

Auf dem Weg nach unten kamen wir bei Ades Familie vorbei und wurden von ihnen zum Essen eingeladen. Sie hießen uns unglaublich herzlich willkommen und die Armut seiner zwei Kinder war schockierend. Für uns war es faszinierend zu sehen, wie der Kanadier Deane, der seit acht Jahren in einem Dorf im Fu Gong County lebt, damit umgegangen ist. Sobald man in diesen Familien ankommt, servieren sie die besten Sachen, dabei essen sie selbst fast nie Fleisch. Wenn man ihre Herzlichkeit jedoch nicht annimmt, demütigt man sie, denn keiner will zu spüren bekommen, dass er arm ist. Ade selbst hätte für seine Familie nie um Kleidung gebeten.

Nach dieser Mittagspause ging es zurück ins Tal. Von Jia Ke Di aus sind wir gen Norden auf der rechten, unzugänglicheren Flussseite gefahren und haben dort an zwei Punkten angehalten. Bei der ersten Stelle haben die Bewohner aus Lei Mai Re Ka ihre Kleidung abgeholt. Das Dorf liegt 1,5 Stunden zu Fuß steil den Bergpfad hinauf. Wir haben an 15 von 140 Haushalten verteilt, darunter waren unheimlich viele alte Menschen.

Das nächste Dorf hieß Qu Ba Yi Du und war mit 70 Familien weitaus kleiner, doch liegt es auch wesentlich abgelegener, zu Fuß braucht man drei bis vier Stunden dort hin. 13 bedürftige Familien hatten wir an den Treffpunkt ins Tal gebeten, ihnen haben wir neben ihren Kleiderbündeln auch jedem noch einen Schal, eine Mütze oder Handschuhe gegeben, da es weiter oben viel kälter ist. Es war auffällig, dass die Familien aus diesem entlegenen Dorf viel kinderreicher sind, viele von ihnen versuchen, sich vor den Kontrollen der Regierung zu verstecken, da sie gegen die Ein-Kind-Politik verstoßen.

Insgesamt haben wir an diesem Wochenende an 73 Männer, 66 Frauen und 65 Kinder, darunter 13 Kleinkinder unter drei Jahren verteilt.

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Nach der eigentlichen Verteilung sind wir wieder ein Stück zurück auf unserer Strecke und sind den eineinhalb-stündigen Bergpfad nach Lei Ma Re Ka hinaufgewandert. So konnten wir einige der Familien besuchen, an die wir verteilt haben. Es waren für uns alle die ärmsten Lebensverhältinisse, die wir je gesehen haben.

Zuerst waren wir bei einer Familie, bei der die Großeltern, Eltern und die drei Kinder in einem Raum wohnten. Schon als wir die Bambushütte betraten, kam uns der beißende Rauch entgegen und unsere Augen tränten, während wir mit Tee um die Feuerstelle saßen. Die Familie bedankte sich bei uns und es war so schön, im Dorf die Menschen mit der Kleidung zu sehen, die wir am Vortag in stundenlanger Arbeit sortiert hatten. Bei den Lisu ist es Tradition, dass man nie selbst über seine Leiden erzählt. So erfuhren wir nach und nach, dass der Großvater Schmerzen in seinem angeschwollenen Bauch hat, es könnte sich um Hepatitis B handeln. Auch wenn sie beide wesentlich älter aussahen, war seine fast erblindete Frau erst 55 Jahre alt. In diesem Alter einen Arzt zu suchen, ist, so schrecklich und traurig es ist, ein viel zu hoher Aufwand. Die Mutter der Kinder war unheimlich schwach, doch wollten wir sie nicht fragen, ob sie schwanger ist. Da sie bereits zwei Kinder hat, wäre ein drittes ein Verstoß gegen die chinesische Ein-Kind-Politik und somit mit einem riesigen sozialen

Abstieg und hohen finanziellen Strafen verbunden. Wenn wir sie auf dieses heikle Thema angesprochen hätten, wäre sie bloßgestellt worde. Beim Abschied gaben wir ihr Vitamintabletten und Eisenpräparate, die meisten Frauen leiden hier an großem Eisenmangel. Ein Grund dafür ist, dass die Ernährung in den Bergen sehr unausgewogen ist, Fleisch und Fisch können sich die meisten Familien nicht leisten.

In der nächsten Familie, die wir besuchten, lebte ein Mann mit psychischer Behinderung, doch er war an diesem Tag davon gelaufen und so unterhielten wir uns mit seiner Familie. Wir haben uns jedoch den Namen gemerkt und eine befreundete Psychiaterin aus Singapur wird ihn noch einmal besuchen und schauen, ob sie ihn behandeln kann. Nach einiger Zeit erfuhren wir, dass die eine junge Frau im fünften Monat schwanger ist. Sie hatte bereits zwei Kinder von vier und zwei Jahren, die völlig verdreckt auf ihrem Schoß saßen. Die Frau hatte große Schmerzen bei ihrer Schwangerschaft und bat uns um Hilfe. Nach ihren Beschreibungen dachten wir zuerst daran, dass das Kind gestorben sein könnte, doch spürte sie zum Glück noch immer Tritte. Während die ganze Familie um das Lagerfeuer versammelt saß, zeigte Deane ihr einige Übungen zur Schwangerschaftsgymnastik, die ihre Muskulatur stärken und ihre Schmerzen lindern sollten. Während die Lisu-Familie ihn ungläubig anstarrte, fuhr er fort, ihr das zu erklären. Viele der Frauen wissen nichts darüber, was passiert, wenn sie schwanger sind und nur sehr wenige bringen ihr Kind im Beisein eines Arztes zur Welt. Ihnen einige einfache Übungen beizubringen, wäre sicher ein tolles Projekt. Auch ihr gaben wir Vitamine und Eisen.

Nach dieser Begegnung sind wir durch das Dorf gelaufen und kamen zu einem Haushalt, in dem fünf alte Frauen zusammen wohnten. Eine von ihnen leidete unter schlimmen Krämpfen und Kopfschmerzen, sie war schon einmal in Behandlung und es handelte sich um Epilepsie. Sie konnte kaum aufstehen, da ihr linkes Bein und ihre linker Arm gelähmt sind. Leider konnten wir ihr kaum helfen, wir sagten ihr, dass sie die Epilepsie-Medikamente, die ihr geholfen haben, lebenslänglich nehmen muss und dass sie gegen die Kopfschmerzen viel trinken muss.

Eigentlich wollten wir dann schon wieder ins Tal zurück, doch ein Mann kam auf uns zu und bat uns in ein weiteres Haus, in dem ein Vater mit seinem Sohn lebte. Sie hatten bereits Essen vorbereitet. Der Vater war siebzig Jahre alt und konnte nur sehr schlecht hören, auch sprechen konnte er kaum und die Laute, die er von sich gab, waren unverständlich. Doch war er kraftvoll und arbeitete viel auf den Feldern. Die Familie besitzt weit enternfte Maisfelder, Reis können sie keinen anbauen. Sein Sohn war erst 20 Jahre alt. Es war unglaublich, vor einem Mann zu sitzen, der genau so alt ist wie wir und so ein anderes Leben hat. Er ist nie in die Schule gegangen, da behinderte Menschen in China nicht in die Schule gehen dürfen. Dabei ist er sehr intelligent und verstand sogar ein bisschen Chinesisch. Sein Knie hat jeweils zwei Kniescheiben, was dazu führt, dass er kaum laufen kann. Er wird vermutlich nur schwer eine Frau finden und hat als körperlich Behinderter ein sehr schweres Leben vor sich. Als Dank für die Gastfreundschaft hat Deane ihm Geld gegeben, Ade konnte so am nächsten Tag mit ihm ins Krankenhaus fahren und sein Knie röntgen. Die Bilder sahen nicht so aus, als könne man ihm viel helfen, doch Deane wird sie zu einem Arzt in Kunming bringen und wir werden schauen, was sich machen lässt.

Nach diesem eindrucksvollen Tag sind wir wieder zurück ins Tal und kamen erst bei Dunkelheit wieder an, benommen von dem schweren Leben der Menschen, doch glücklich erfüllt von dem Gefühl, dass wir so viele Kleidern verteilen konnten.