Minderheiten

Die Vielfalt im Reich der Mitte ist Chinas größter und wertvollster Schatz – eine bunte Ansammlung von über 90 ethnischen Gruppen und ebenso vielen, verschiedensten Kulturen auf 9,6 Millionen Quadratkilometern. Zhongguoren, Chinesen, sind sie alle – doch je nachdem, in welcher von Chinas dreiunddreißig Provinzen man sich befindet, bemerkt man mehr von den trotz allem 92% Han-Chinesen oder läuft eher den zahlreichen Minderheiten über den Weg.

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Die kleinsten Minderheiten haben, wie die Lhoba in Tibet, oft nur einige tausend Mitglieder, während die größten, beispielsweise die Bouyei in der Provinz Guizhou, knapp drei Millionen. Dazwischen liegen allerdings auch viele Gruppen, die aufgrund ihrer religiösen oder politischen Lage in China im restlichen Teil der Welt eher bekannt sind, etwa die 1,4 Millionen Kasachen in Xinjiang, die 10,4 Millionen Mandschu Nordchinas, die 6 Millionen Mongolen vor allem der inneren Mongolei, die 10 Millionen Uiguren, ebenfalls meist in Xinjiang, und die knapp 6 Millionen Tibeter. Gemessen an der Provinz also, würde ein Durchschnittsweltwärtsfreiwilliger vor allem in den nördlichen Provinzen, wie der Inneren Mongolei und Xinjiang, aber auch im Süden, in Yunnan und Tibet, das Glück haben, einmal mehr auf andere Völkchen zu stoßen, als den überall in China lebenden Han-Chinesen.

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Obwohl China bereits seit der Reichseinigung im Jahre 221 v.Chr. unter dem ersten Kaiser der Qin als ein einziger, vereinigter Staat besteht und sich (trotz ständiger Erweiterungen der Grenzen und so mehr oder weniger freiwilligen Dazukommens von weiteren Völkern und Kulturen), immer als geschlossene Nation entwickelte, konnten überall im Land einzelne Volksgruppen und Minderheiten ihre Traditionen bewahren. Manche, wie die Mongolen während der Yuan-Dynastie (13. Und 14. Jahrhundert) und die Mandschu in der Qing-Dynastie (17.-20. Jahrhundert), waren mächtig genug, um ganz China jahrhundertelang zu beherrschen. Trotzdem wurden während aller Dynastien der Nation Minderheiten immer wieder unterdrückt und bekämpft.

Seit der Gründung der Volksrepublik 1949 sind alle Minderheiten und Nationalitäten Chinas gleichgestellt, nach ihrem Recht auf Autonomie dürfen sie ihre Kulturen bewahren und ihre Kinder z.B. auf zweisprachige Schulen schicken und sie die eigene Schrift erlernen lassen, meist sind sie von der Begrenzung der Geburten durch die Ein- oder inzwischen Zwei-Kindpolitik ausgenommen und auf den verschiedensten politischen Ebenen repräsentiert, da es für Abgeordnete aus Minderheitenkreisen festgelegte Quoten gibt.

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Obwohl durch die Mentalität, einen einzigen Nationalstaat Chinas zu bilden, Konflikte zwischen den Minderheiten und den Han-Chinesen eher selten sind, kommt es vor allem in den muslimisch geprägten Gebieten, wie auch in den Grenzregionen des Landes (Tibet, Innere Mongolei, Xinjiang) zu Spannungen. Vor allem, um Autonomisierungsbestrebungen und Separatisten zu beschränken, behindert die chinesische Regierung mitunter die Religion der Völker, verbietet das Fasten zu Ramadan oder das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Gebäuden und Bussen und trägt hiermit zu einem anti-muslimischen, beinahe rassistischem Klima bei, das sich, gerade zu Zeiten von IS und Terroranschlägen im bis jetzt geschützten Europa, über die die Chinesen erstaunlich gut informiert sind, auch hier breitmachen könnte. Oft verstärkt sie außerdem aus dem gleichen Grund den Zuzug von Han-Chinesen in eher von Minderheiten besiedelte Gebiete, wodurch diese sogar in ihren eigenen, traditionell besiedelten Städten zu der kleineren Gruppe werden – auch diese Maßnahme wird international wie von Vertretern der betreffenden Volksgruppen stark kritisiert.

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Trotz allem fällt in Städten wie Hohhot, in der von der mongolischen Minderheit bewohnten inneren Mongolei im Norden Chinas, die kulturelle Mischung und das Zusammenleben der Völker auf einer sehr respektvollen und wertschätzenden Basis auf – hier sind alle Straßenschilder, die Ansagen in den Bussen und sogar verschlungene, kleine Lügen auf Werbeschildern zweisprachig, die Bewohner der Stadt, auch die Han-Chinesen, sind stolz auf die Mongolische Kultur und es ist alles andere als eine Seltenheit, besonders als Ausländer, von Mitgliedern der Minderheit angesprochen und ausgefragt zu werden. Natürlich ergreift da der Durschnittsweltwärtsfreiwillige direkt seine Chance und fragt zurück aus, nicht wahr? Aber das ist eine andere Geschichte, vielleicht für den Innere-Mongolei-Absatz.

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