Wenn man bei uns in Jinggangshan an der Mittel – und Oberschule Unterricht in einer der schlechteren Klassen hält wird einem ziemlich schnell klar: Es trägt zwar fast niemand eine Brille, aber mindestens genauso viele Schüler wie in Deutschland brauchen eigentlich eine, um das lesen zu können, was vorne an der Tafel steht. Ruft man nämlich jemanden auf, um etwas vorzulesen oder eine Aufgabe zu machen, wird meistens von irgendwoher eine Brille organisiert und auf die komischsten Arten aufgesetzt. Oft ist es auch die eigene Brille, die der Schüler nicht tragen möchte und unter seinem Tisch versteckt, manchmal hat er gar keine und bekommt eine geliehen. Sobald die Aufgabe erfüllt ist, wird die Brille sofort wieder abgesetzt, weil er sie dann ja nicht mehr braucht. Dass ein Großteil der Schüler so oft nichts vom gesamten Unterricht verstehen interessiert hier nicht viele, denn – überraschenderweise – sind es genau die Schüler, die die schlechtesten Noten haben und in diesem Bildungssystem nicht gerade gefördert werden..
Wir empfinden dieses Problem als sehr gravierend, und deshalb haben wir unser Brillenprojekt gestartet!
Zunächst haben wir Informationen gesammelt. Warum tragen die Schüler keine Brillen? Viele haben gesagt, eine Brille ist hässlich und unpraktisch, andere meinen sie bekommen davon Kopfschmerzen und es ist schlecht für die Augen. Stimmt das? Die Forschung ist sich auf diesem Gebiet sehr uneinig, allerdings sind einige der Gerüchte die hier kursieren schlichtweg falsch. Wir haben viele Informationen gesammelt und deutsche wie chinesische Experten befragt.
Danach war sehr viel organisatorische Arbeit zu leisten, das heißt mit den Lehrern Termine, Räume und Klassen abzusprechen, versuchen den Augenarzt für unser Projekt zu gewinnen, mit einem Brillengeschäft Kontakt aufzunehmen und so weiter.
Schließlich haben wir die Erlaubnis für zwei Aktionen bekommen. Die erste schon relativ bald mit den sechs schlechtesten Klassen Stufe 11, und die zweite zwei Wochen später in Stufe 10. Wir haben zwei übereinanderliegende große Vortragsräume zur Verfügung gestellt bekommen.

Teil 1 (Stufe 11)

Für Stufe 11 hatten wir eine Schulstunde, das heißt 40 Minuten, Zeit. Wir haben die Klassen in zwei Gruppen aufgeteilt und die eine Gruppe zunächst in den unteren, die andere in den oberen Raum bestellt, dabei haben uns die Klassenlehrer geholfen. Im ersten Raum haben Eckart und ich einen zehnminütigen Vortrag halb auf Englisch halb auf Chinesisch gehalten, in dem wir versucht haben die Argumente, die gegen ein Brille sprechen auf eine spannende und unterhaltsame Weise zu entkräften und dann Argumente für Brillen zu finden. Zum Beispiel haben wir Fotos von uns gemacht, auf denen wir zunächst die eigene und dann die Brille des jeweils anderen tragen um so den Schülern zu zeigen, dass nicht alle Brillen hässlich aussehen und es nur darauf ankommt, die für einen selbst richtige auszusuchen. Eigentlich sollte der Arzt in diesem Raum noch einen Vortrag halten und dann für Fragen bereitstehen, aber wir hatten es so kurzfristig nicht geschafft, ihn zum Essen einzuladen, was hier sozusagen als Vertragsschluss gilt, und so hatte er uns für dieses erste Mal mit einer Ausrede abgesagt. Er lädt uns aber weiterhin immer wieder ein, selbst am Abend vor der Aktion haben wir mit ihm gegessen. Deshalb hoffen wir, ihn wenigstens für das zweite Mal in Stufe 10 noch gewinnen zu können.
Nach der Hälfte der Zeit wurde getauscht und die erste Gruppe ist nach oben gegangen, wo wir im zweiten Raum und auf dem Gang verschiedene Stände aufgebaut hatten. Dort konnten die Schüler Sehtest machen, wir hatten aus einem Brillengeschäft verschiedene Gestelle ausgeliehen die sie anprobieren durften, außerdem konnten verschiedene Brillen den passenden Gesichtsformen zuordnen und an den Wänden hatten wir Plakate mit Informationen, einem Quiz und noch einigen weiteren Informationen aufgehängt. Hier war alles komplett auf Chinesisch, denn es geht bei diesem Projekt wirklich um den Inhalt, nicht um die Sprache. Insgesamt war auch dieser Teil ein Erfolg, als ein bisschen problematisch hat sich herausgestellt, dass die Schüler zunächst dachten, auch hier würde ein Vortrag stattfinden und sich hingesetzt haben. Wir werden daher beim nächsten Mal auf den oberen Raum verzichten und die Stände alle im Gang aufbauen.
Wir wissen, dass wir, auch wenn die Schüler uns unglaublich toll finden und alles glauben was wir sagen, in diesen 40 Minuten nicht das gesamte Problem beseitigen können. Aber wir hoffen durch diese Aktion sind sich die Schüler noch einmal bewusst geworden, wie wichtig Brillen sind, dass wir ein paar falsche Gerüchte beseitigen konnten, aber vor allem, dass sie das ganze Thema etwas lockerer sehen und es nicht weiter fast als Tabu gilt, darüber zu reden. Auch die Klassenlehrer waren ja dabei, um ihre Schüler zu begleiten und wurden vielleicht etwas für diese Problematik sensibilisiert, was im positiven Fall wohl einen noch nachhaltigeren Effekt haben kann.

Wir sind auf jeden Fall sehr zufrieden und freuen uns mit einigen Verbesserungen (und vielleicht dem Arzt) auf die zweite Aktion!

Teil 2 (Stufe 10)

Eine Woche vorher stellte sich heraus, dass die Schüler am eigentlich geplanten Termin Examen schreiben würden. Zunächst schien es, als ob die Aktion somit nicht mehr stattfinden könnte, aber beim letzten Morgenappell haben wir unsere Kontaktlehrerin noch einmal angesprochen, und innerhalb von fünf Minuten wurde organisiert, dass wir am nächsten Tag die drei Abendstunden zur Verfügung hatten. Der Arzt hat natürlich wieder kurzfristig abgesagt…
In Stufe 10 haben die fünf besten Klassen und zwei eher schlechte Klassen teilgenommen. Da wir sehr viel Zeit hatten, konnten fast alle Klassen einzeln entweder unten im Vortragsraum sitzen oder oben bei den Ständen sein. Dadurch konnten wir vor allem bei den Ständen viel besser auf jeden einzelnen eingehen. Ansonsten war der Ablauf der gleiche wie beim ersten Mal.

Insgesamt war diese Aktion zwar anstrengender, aber auch noch besser als die erste!
Wir werden jetzt den Schülern noch ihre Bilder schicken und außerdem die Plakate im Schulhaus aufhängen und somit die Aktion abschließen.

[oqeygallery id=11]