DSC_2830Da stehen wir nun blöd da. Die Fahrerin des Containers will partout nicht den Schotterweg zur Bergschule DaHua hochfahren. Zu viel Angst habe sie. Im Grunde genommen gut, denn der Weg hat tatsächlich einige knifflige Stellen. Die Kleidung selber zu tragen ist aber schlichtweg unmöglich. Dafür ist es einfach zu viel und der Weg auch zu lang. Es gibt nur noch einen letzten Ausweg: HeWen! Er ist derSchulleiter der Bergschule in DaHua. Schon vor der Verteilung hatte ich viel Kontakt mit ihm, da er uns beim Scouten sofort sympathisch und kompetent erschien. Und siehe, er hat sofort eine Lösung parat. Ein Freund von ihm, den er kontaktiert hat, kommt zu uns nach unten. Danach laden wir die Kleidung in einen anderen Laster und er bringt den Wagen sicher nach oben. Dort warten schon viele Kinder, um uns zu helfen, die Kleidung über einen kleinen Weg zur Schule zu bringen.

DSC_3131Wir, die sechs Jungs aus Lanping, oder liebevoll auch „Affenbande“ genannt, hatten seit der letzten Kleiderverteilung nämlich fleißig Klamotten gesammelt und sortiert. Anfang April hatten wir erneut so viel beisammen, dass wir entschieden neue Schulen in der Gegend Tu’e, die etwa zweieinhalb Stunden entfernt ist, zu besuchen. Eine davon ist die Schule in DaHua. Mit ihrem Schulleiter, HeWen, planten wir die ganze Aktion, die auch noch in vier anderen Schulen stattfinden sollte. Mit einem vorher erstellten detaillierten Ablaufplan wusste er bereits, was auf ihn zukommt und was wir benötigen. Bei der Verteilung mit dabei sind auch Janno und Jost aus LiuKu, die uns vorher in LanPing besucht haben.

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In der Schule in DaHua haben wir nicht viel Zeit. Eigentlich laden wir nur die meiste Kleidung ab und nehmen einen kleinen Teil wieder mit nach unten zur Schule in QiaoTou. Diese Schule hat nämlich 15 Waisenkindern, denen wir Kleidung geben möchten. Außerdem müssen wir sowieso nach unten, da dort unser Hotel für die erste Nacht ist. In QiaoTou empfängt uns Jade, eine Lehrerin der Schule, die hervorragend Englisch spricht. Sie führt uns in einen Raum, wo die Waisenkinder bereits auf uns warten. Auf Grund der guten Vorbereitungen von Jade geht alles schnell. Da wir nach der kleinen Verteilung den Unterricht nicht stören wollen, gehen wir zum Hotel.

DSC_0134Am nächsten Morgen stehen wir früh auf. Die Reste von der Verteilung am Vorabend müssen nach DaHua gebracht werden, wo eine Verteilung an die ganze Schule (immerhin 30 Schüler) ansteht. Wir überreden einen Minibus-Fahrer uns in die Bergschule zu fahren. Um neun Uhr kommen wir in DaHua an und verteilen an die Kinder sowohl Kleidung, als auch Hygieneartikel.

DSC_3756Danach steht die große Wanderung an. HeWen hat im Vorhinein etwa 15 Esel organisiert, die die Kinder- und Erwachsenenkleidung aus DaHua nach LaSiDi bringen sollten. LaSiDI liegt noch weiter in den Bergen und ist wie die anderen beiden Dörfer, LiSuCun und HuangLongDeng, nur zu Fuß zu erreichen. Da die Begleiter der Esel beim Packen merken, dass es zu viel Kleidung ist, machen sich Einige von ihnen selbst als Packesel nützlich. Einer von ihnen, geschätzt 50 Jahre alt, recht dürr, schleppt durch eine raffinierte Tragtechnik sogar fünf volle Säcke. Vom Gewicht her entspricht das achtzig bis neunzig Kilo. Wir sind schwer beeindruckt und fühlen uns fast schon schlecht. Wir tragen auf dem Weg nämlich keinen einzigen Sack. Ehrlich gesagt hätte es auch keiner von uns geschafft. Der Weg stellt sich nämlich als sehr anspruchsvoll heraus. Zumal die Sonne nun auch auf unsere Köpfe knallt. Die Landschaft entschädigt allerdings alle Anstrengungen. Umgeben von mächtigen Bergen, saftigem Grün und einem rauschenden Bach, bleibt einem manchmal nur der Mund offen stehen. Obwohl wir nur wenige Minuten nach den Eseln und ihren Begleitern loslaufen, werden wir sie auf dem etwa dreistündigen Weg nie einholen. Die Chinesen sind unglaubliche Arbeitstiere. Großen Respekt. Auch in der Schule in LaSiDi stehen die gut 100 Kinder bei unserer Ankunft schon bereit. Sie kommen aus den besagten drei Dörfern. Einigen ist ihre Armut von Weitem schon anzusehen. Da uns kein Raum zur Verfügung steht, bereiten wir auf einer Tischtennisplatte die Verteilung vor. Während es bei unserer letzten Verteilung noch Probleme gab, wenn Lehrer sich einmischen in die Verteilung, ist die Hilfe der Lehrer diesmal sehr nützlich. Das liegt vor allem wieder an HeWen, der unsere Vorgaben, wie viel Kleidung ein Kind bekommen soll, respektiert und an die anderen Lehrer weitergibt. Deshalb geht alles wieder sehr schnell und die Kinder bekommen Kleidung und Hygieneartikel. Später sollen noch die Erwachsenen kommen. Bei ihnen gibt es allerdings keinen festen Zeitpunkt. Sie wissen von ihren Dorfvorstehern, dass die Kleidung in der LaSiDi lagert und sie dort Kleidung holen können. So kommen also im Minutentakt Erwachsene vorbei und wühlen in den Kleidungssäcken. HeWen fragt sogar schon von sich aus, wie viel Kleidung ein Erwachsener bekommen darf. Nachdem wir es ihm gesagt haben, kontrolliert er wieder streng die Erwachsenen und sorgt dafür, dass alles fair abläuft. Nebenbei spielen wir mit den Kindern, die entweder an der Schule wohnen oder auf ihre Eltern warten, die noch nach Kleidung suchen. Beim Spielen mit den Kindern kann man entdecken, dass sich hinter dem überschüssigen Testosteron bei uns allen ein großes Herz verbirgt. Abends essen wir noch gemütlich mit den Schulverantwortlichen und fallen danach todmüde in unser Bett oder halt auf den Boden. Denn an der Schule gibt es nur zwei Betten für uns. Somit schlafen jeweils zwei im Bett und vier auf dem Boden. Letztlich ist es aber sehr komfortabel.

DSC_4393Am nächsten Tag kehren vier der Freiwilligen nach Lanping zurück. Jost, Janno, Philipp und ich bleiben, wie vorgesehen, noch einen Tag, um einerseits die jeweiligen Schulen zu besuchen und uns mehr mit den Kindern zu beschäftigen. Andererseits gefällt uns das einfache Leben hier, das einen des Öfteren gefühlsmäßig in das Mittelalter versetzt. Nachdem wir um halb Acht morgens unser erstes Bier abgelehnt haben, machen wir uns auf den Weg in das eine Stunde entfernte HuangLongDeng. Dort spielen wir mit den Kindern Basketball und bringen ihnen danach ein englisches Lied bei, in den verschiedene Obstsorten vorkommen. Die Kinder und wir haben großen Spaß. Gegen Vormittag gehen wir wieder zurück nach LaSiDi, um dort zu essen. Nach einer kleinen Mittagspause wandern wir nach LiSuCun, was etwa eine halbe Stunde entfernt ist und bei uns allen den heftigsten Eindruck hinterlässt. Nachdem wir auch dort den Kindern ein wenig Englisch beibringen, führt uns der Schulleiter durch die Schule. Was wir sehen, sind viele kaputte Bänke, Tafeln und Tische. Beim Essen erzählt mir HeWen, dass die Schüler und Lehrer noch nicht mal täglich Reis essen kann, was in China das billigste Essen ist. Auf die Frage, ob unsere Organisation der Schule Geld geben könne, muss ich ihm leider antworten, dass das nicht möglich sei, da wir erstens nicht einfach nur Geld geben und zweitens nicht viel Geld haben. Allerdings biete ich ihm an, dass wir am Kindertag am 1.Juni wiederkommen, um die Schulen mit Schulmaterialien zu beliefern, die wir in Lanping gesammelt haben. Auch wenn es nur eine kleine Geste ist, löst es bei HeWen große Freude aus.DSC_0401Nach einer erholsamen Nacht zurück in LaSiDi, unterrichten wir morgens noch die Schüler dort. Daraufhin begeben wir uns mit HeWen auf den Heimweg, der natürlich zurück viel erträglicher ist. Der Abschied von HeWen fällt uns nicht leicht, da wir zusammen sehr emotionale Tage verbracht haben. Wir sind froh, dass wir nochmal wiederkommen werden, denn die Zeit war, obwohl man viel Armut gesehen hat, unbeschreiblich schön. Noch heute schwirren meine Gedanken vor allem um den einen Satz, den HeWen sagte, als ich mich x-Mal entschuldigt habe, dass wir leider nicht genügend Geld haben. „Wir haben zwar kein Geld, aber wir sind glücklich.“ So wahr.